Satur: Wie Benedikt XVI. eingekocht wurde

 

24. April 2005

 

Man erzählt sich, oder mir haben sie es so erzählt, dass Ratzinger Cavabianca besuchte und sehr bewegt über das war, was er dort sah. Das ist nicht wenig. Das opus weiß viel über das, was die Marketingexperten „Kundenorientierung“ nennt: alle diese nonverbalen und verbalen Mitteilungen, durch die erreicht wird, dass einer von dem, was er sieht, hin und weg ist, was man ihm über die Firma erzählt, die er besucht. Das Opus, und das muss man anerkennen, weiß sehr viel darüber, wie man jemanden verblüffen, einlullen, hinreißen kann, sie zeigen, wenn sie wollen Ordnung, Sauberkeit, Höflichkeit bei feschen, eleganten, sympathischen, gescheiten, frohen, glücklichen, apostolischen, treuen, frommen, aufmerksamen etc. Menschen, mit denen du jeden beliebigen Bischof, Kardinal, Papst, Politiker, Intellektuellen, Aristokraten und sonstige Spitzenkräfte blenden und verwirren kannst. Diese Fähigkeit zu singen, zugleich auf dem Klavier, der Trompete und der baskischen Hirtenschalmei zu spielen, und ein anderer re­zi­tierte Gedichte von solchen Halunken wie Gabriel und Galán, Quevedo, Rilke oder Bramajatrha dem Bramaputra, einer jongliert mit Tellern, Vasen und Zahnbürsten, und all das mit Anzug und Krawatte, kein Trikot, das nicht zu seinem Amt und seiner Stellung passt. Ein anderer zaubert und lässt das Solideo des Kardinals verschwinden und auf dem Foto von Tante Carmen wieder auftauchen…. Und der Kardinal vom Dienst kann nicht glauben, was er sieht…

- Eminenz – sagt der nächste Numerarier in der Reihe – ich stamme aus einem kleinen Stamm in Burkina Faso, und bis vor einigen Jahren bin ich von Liane zu Liane geschwungen, fern von Gott, mit einem ganz kleinen Lendenschurz, den ich mir nur umband, wenn es frisches Affenhirn zu essen gab. Wir waren Animisten und beteten zu Ñuguñugu. Eines Tages schickten mich meine Eltern in die Strathmore School, ein korporatives Werk der PRÄLATUR OPUS DEI, und dort entdeckte ich, dank des Apostolats der Gläubigen der PRÄLATUUUUUUR OPUS DEI, die Gabe der Konversion und meine Berufung als Numerarier der PRÄLATUR OPUS DEI. Jetzt bin ich sehr glücklich. Ich bin Doktor der Nuklearenergie, Dr. phil. für Ontologie und Pneumatologie, Doktor in Kanonischem Recht und Master aus MIT in Harvard, und dieses Jahr lasse ich mich zum Priester der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz und Opus Dei weihen, um den Seelen zu dienen…

 

Selbstverständlich war der Kardinal von Dienst baff. Blitzlichter. Dann erzählt das Negerlein der makellosen Tafelrunde eine von den apostolischen Anekdoten, bei denen du eine Gänsehaut bekommst. Und um den Kirchenfürsten ganz kleinzukriegen, der schon knapp davor ist, seine purpurne Bauchbinde, den Ring und  das Solideo wegzuwerfen und sich als Priesterlein in die Pfarre Oscar Romero de Leganés zurückzuziehen, schnappt sich der Schwarze eine Harfe und spielt ohne hinzusehen mit einem strahlenden Lächeln die Barcarole.

 

Nachher trat ein Japs auf, dann ein Libanese, ein Doktor der Philosophie, der Astronomie und der Informatik, der bei der NASA arbeitet; er erzählt von der Konversion eines jüdischen Arbeitskollegen, und zum Drüberstreuen sing er Nessun Dorma, begleitet von einer Gestik wie für Taubstumme… Und der Kardinal will juhu rufen, aber er kann nicht mehr, und er denkt nur an seine eigenen faden Seminaristen im Colegio Español, die nur „Du bis ans Ufer gekommen“ und „Beim letzten Abendmahle“ singen können.

 

Um sich zu erhängen. Wie der, so erzählen sie, der einen Freund um einen Strick bat, weil er sich umbringen wollte.

- Aber Junge, sagte der Freund, du willst dich aufhängen?

- Ja, weil ich verzweifelt bin und keinen Sinn mehr im Leben sehe.

Er gab seinem Freund eine Schnur, und später ging er vorbei und sah, dass sein Freund sich erhängt hatte – allerdings an den Beinen.

- Oh, du hast dich an den Beinen aufgehängt…

- Verdammt ja; ich hab es zuerst beim Hals versucht, aber das schnürt mir die Luft ab.

 

Nun, hätte Theresia von Avila gesagt, habe ich mich zerstreut. Und man erzählte mir, dass Ratzinger, ein schüchterner Mensch, der seine Gefühle nicht gerne öffentlich zeigt, nach Dutzenden Zeugnissen von Lateinamerikanern, von Yankees, die das Ozonloch stopfen, exzellenten Gelben, genialen Mulatten, tapferen Spaniern, langsam einen Frosch im Hals bekommt angesichts so reicher apostolischer Früchte, von so viel Hirnschmalz, das sich hingegeben hat bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, angesichts einer Eliteeinheit, die aus Liebe zu allem bereit ist, und er  verließ das Wohnzimmer, in dem das Beisammensein stattgefunden hatte, und ging ein wenig spazieren.

Don Alvaro und einige andere gingen hinaus und fanden den Präfekten weinend. Offenbar genierte er sich, sich vor diesen Leuten so zu zeigen.

Etwas später zeigen sie Cavabianca her, und der brave Mann kriegt sich nicht mehr ein vor Staunen nicht, wenn er dieses kleine Seminardorf sieht. Und man sagt, dass ihm, als er die Kapelle des Seminars der Prälatur sah – mit einem großartigen, einem grandiosen Altarbild - der Mund offen stehen blieb. Als er in die Sakristei kam – das Arbeitszimmer der Frau Minister Trujillo ist ein Zeitungsstand dagegen...

Das ist nicht mit Steinen errichtet, sondern mit Liebe – versicherte Don Alvaro.

Man kann es natürlich auch so sehen. Auch wenn einem, je mehr man liebt, umso weniger Zaster bleibt, um es zu zeigen. Ich würde gerne so lieben können.

So haben sie mir es erzählt, und so erzähle ich es weiter.

Einige der engsten Mitarbeiter Ratzingers waren Don Fernando Ocáriz und Don Stanislaw. Stanislaw, der persönliche Sekretär Johannes Pauls II., war eines Sommers in den Pyrenäen, begleitet von einigen prominenten Numerariern; er lebte in einem Zentrum, besuchte eine Delegation und ging wandern, entweder mit dem kenianischen Premierminister – einer seiner Minister war vom opus – oder mit Andreotti, der öfter einmal in Villa Tevere vorbeischaute, oder mit einem bekannten Unternehmer – bekannt für seine waghalsigen Spekultaionen, mit denen er sich bereichert hat, und seine Fähigkeit zum Zugreifen, die ihn schließlich ins Gefängnis gebracht hat – der für ein ganzes Jahr die Stipendien für die Seminaristen des Internationalen Seminars in Rom übernommen hat - (man muss sich Freunde schaffen mit dem ungerechten Mammon) undsoweiterundsofort.

Das ist ihre Aufgabe, die Aufgabe des Opus. Und sie sind dran.

Nicht immer können sie vermitteln, was sie wollen, diese wunderbare, makellose, vollkommene Welt aus Zellophan; eine Welt, in der sie sich unbeschadet der Tatsache, dass sie Pressesprecher des Papstes stellen, Präsidenten für die authentische Interpretation kanonischer Texte (das entspricht einem Justizminister), Camarlengos und etliche Bischöfe, dass sie sich nicht verständlich machen können.

Ich denke, dass Benedikt XVI. lediglich ein wenig überrascht war – und nicht überwältigt, wie manche gehofft hatten. Dafür hätten sie einen Volltrottel von Papst nehmen müssen, und das ist er nicht. Das hat er durch seine Schriften gezeigt, von den allerersten (die das opus für seine Mitglieder verboten hat) bis zum letzten.

Sowohl das opus als auch Benedikt (oder Johannes Pauls II.) sind konservativ – aber wie sehr unterscheidet sich ihre Spiritualität.

Das Opus bevorzugt im Allgemeinen die „Konserven“, Tugenden, die künstlich isoliert wurden auf die Gefahr hin, dass sie verfaulen, und die sehr wenig vom freien Leben in der frischen Luft wissen. Es hat Angst vor der Welt, die sie angeblich heiligen will. Viele ihrer „Tugenden“ produzieren sie wie konservierte Lebensmittel: durch Zugabe von Zucker, Salz und Essig. Es gibt zuckersüße Tugenden, so wie es saure oder bittere gibt, mit Farb- und Konservierungsstoffen, sterilisiert und pasteurisiert (so ist das Leben in den Zentren der älteren Numerarier, eingesperrt, steril und freudlos), und dann kommt der luftdichte Abschluss nach außen (unsere Schulen, unsere Ärzte, unsere Ferienplätze, unsere Bücher). Sie bedenken nicht, dass die Treue, die man so erreicht, provisorisch bleibt, denn jede Konserve hat ihr Ablaufdatum.

Und wenn einer die Mühe auf sich nimmt, den Lebenslauf von Johannes Paul II. oder von Benedikt liest, wird er merken, dass dies Menschen mit einer lebendigen Treue sind, die die Vergangenheit in die Gegenwart fortsetzen, die frei in ihrer Umgebung lebten, mit ihren Widersprüchlichkeiten, mit ihrer Weltsicht, mit ihren sehr unterschiedlichen Charakteren. Ihre Treue wurzelt in ihrer Kultur, in ihrer persönlichen Geschichte und hat nicht mit Institutionen oder Gruppenkriterien zu tun.

Sie täuschen sich vermutlich, so wie einer, der einem falschen Bettler Geld gibt, sich täuscht, aber in seinem Herzen kann er dabei nichts falsch machen. Meiner Auffassung  nach sind das Menschen, die die Wahrheit suchen – und das ist ein steiniger Weg, umso mehr in diesen Institutionen, in denen bereits alles durchgeplant ist, mit herrlichen künstlichen Pharisäismen.  

Das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe, waren ein Priester und eine Nonne, zu unterschiedlichen Zeiten meines Lebens. Ihre Schlechtigkeit bestand weder im sechsten noch im neunten Gebot. Sie waren einfach schlecht. Es gibt auch schlechte Taxifahrer. Das wird mich aber nicht daran hindern, mit einem Taxi zu fahren, wenn es notwendig ist.

Es ist wie bei den Feministinnen, die davon reden, dass die Frauen unterdrückt waren, und so ist es auch. Man muss das in Ordnung bringen. Aber das bringt die Sache nicht auf den Punkt, wenn man sie alle als Gruppe behandelt. Es gibt wunderbare Männer und wunderbare Frauen.

Und jetzt soll sich einer einmal in die Rolle des Papstes versetzen, was für einen Albtraum es für ihn bedeuten muss, in der Welt die Wahrheit zu suchen. Wer glaubt, dass er an der menschlichen Grausamkeit, am schlimmen Egoismus der Menschen, an der hemmungslosen Lüge, die sich seichter Gefühle bedient, am Stolz der Mächtigen, dem elenden Zustand der Moral in der Welt etwas ändern kann? Dafür verdient er jedenfalls Respekt, vielleicht auch Mitleid.

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