José María Escrivá Albás: Einige historische Probleme

Jaume García Moles

 

07/10/2013

29. Beitrag:

KAPITEL 8: DER ZWEITE OKTOBER: VISION ODER GEDANKENBLITZ

MEHR SCHLECHT ALS RECHT

Bevor ich in die Materie einsteige, möchte ich dem Leser zwei Raster präsentieren, um ihm zu zeigen, in welche Verwicklungen sich das Leben Escrivás nach seiner Ankunft in Madrid verwandelt hatte. Beide beziehen ihre Informationen aus den bereits zitierten Büchern von Pedro Rodriguez und Vazquez. Ich kann nicht dafür garantieren, dass sie vollständig sind. Zunächst einmal sei dargestellt, wie und wo Escrivá in Madrid von 1927 bis zum Beginn des Bürgerkriegs im Juli 1936 Logis fand:

- Calle Farmacia, 2. Eine Pension, April 1927

- Calle Larra, 3. Priesterwohnheim der Damas Apostolicas, vermutlich seit 30/4/1927

- Calle Fernando el Catolico, 46. 27/11/1927, bereits mit seiner Familie

- Krankenstift, mit seiner Familie bis 13/05/1931

- Calle Viriato, 13/05/1931

- Calle Martinez Campos im Studienjahr 1932-33

- Patronat von Santa Isabel, Sommer 1934

- Rey Francisco, 3 (nur seine Familie)

- Akademie und Pensionat DYA, Ferraz 50

- Akademie und Pensionat DYA, Ferraz 16.

Der zweite Raster zeigt die Beschäftigungen, die Escrivá ernsthaft plante oder ausübte. Ich habe auch seinen Unterricht aufgenommen, obwohl dieser wenig dokumentiert ist.

- durchgeführt: Messe in der Basilika St. Michael (Stipendium tgl. 5,50 pts).

- Überlegung: ein Posten in der „Escuela Superior" (darauf bezieht sich in seinem Brief vom 23. Juli 1927)

- durchgeführt: Kaplan am Krankenstift der Damas Apostolicas

- Bemühung um eine Anstellung in der Zeitschrift „El Debate" (18/06/1927)

- durchgeführt: Professor für Repetitorien in Tömischem und Kanonischem Recht an der Academia Cicuendez, von November 1927 bis 1932, Calle San Bernardo 52.

- Projekt: Prüfung zur Erlangung eines Kanonikats in Cuenca (Juni 1928)

- Bemühung um eine Anstellung als Hilfskaplan am Hospital del Rey (11/03/1928)

- ernsthafte Überlegung, Militärkaplan zu werden (zumindest im August 1928)

- Projekt: Prüfung, um in die Diplomatenlaufbahn einzusteigen (Brief an  Isidoro Zorzano, 9/12/1928)

- Überlegung, das Doktorat aus Jura an einer Römischen Universität abzulegen (03/02/1929)

- Ansuchen um die Zulassung zur Aufnahmsprüfung als Hilfskraft am Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (13/09/1929).

- vorbereitende Schritte, um sich in Cuenca zu inkardinieren, wo der Bischof ein Cousin seiner Mutter war (Korrespondenz mit Pou und Joaquin Ayala, Februar 1930)

- Überlegung, in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten (04/1931)

- fester Entschluss, in Toledo das Doktoratsstudium aus Theologie anzugehen (18/04/1933)

- Beginn der Academia DYA (Dezember 1933) in der Calle Luchana.

- Schießung des Lokals in der Calle Luchana und Beginn der Akademie mit Pensionat in der Calle Ferraz, 50 (September 1934)

- Schließung des Lokals in der Calle Ferraz 50 und Beginn der Akademie mit Pensionat in der Calle Ferraz, 16 (Juli 1936).

Wenn sich der Leser daran erinnert: Neben seiner priesterlichen Arbeit warf er sich bis zur Erschöpfung in Werke der Nächstenliebe, wird er die beständige Unruhe begreifen, in der  sich Escrivá befand. Man wird verstehen, dass sich unter diesen Umständen der Traum vom Doktorat verlieren musste; das hatte er zwar dem Bischof von Saragossa versprochen, unter diesen Umständen hatte er aber kaum die Nerven, sich ernsthaft mit Büchern und Archiven zu beschäftigen. Schwieriger zu verstehen ist es, dass Gott ausgerechnet diese Zeit der Unruhe in seinem Leben gewählt haben soll, um ihn zu einem außergewöhnlichen apostolischen Werk zu inspirieren.

SEINE „VORAHNUNGEN“

Soviel ich weiß, hat Escrivá niemals erklärt, worin seine Vorahnungen bestanden, in denen ihn Gott um etwas bat. Höchstens sagt er uns, dass er einige Stoßgebete wiederholte, in denen er Gott darum bat, dass sich dies erfüllen möge. Das Wort Vorahnung (span. barrunto) bedeutet nach dem Wörterbuch der Königlichen Akademie der Spanischen Sprache Hinweis, Andeutung. Wir könnten noch Wörter wie Skizze oder Entwurf hinzufügen, denn beides ist noch unvollständig und bezieht sich auf die Zukunft.

Wenn wir Vorahnungen im Sinne von Skizze oder Entwurf suchen, können wir einige in den Erzählungen der Hagiographen finden. Der erste Hinweis in dieser Richtung stammt von Maximo Rubio Simon1, einem Mitschüler Escrivás im Seminar von Logroño:

Man merkte, dass er eine tiefe Besorgnis hatte: eine Unruhe für die jungen Leute um uns,  wenn er über seine alten Kollegen aus dem Institut und darüber nachdachte, was er wohl für sie getan haben könnte. Der Mangel an Religiosität bei diesen jungen Leuten tat ihm weh.

Dann haben wir da das Zeugnis von Arsenio Gorriz Monzon, der Kollege Escrivás war und am  19. Dezember 1925 geweiht wurde:

Ich habe den lebhaften Eindruck, dass er zu uns einmal von der Notwendigkeit sprach, etwas anderes als die Kongregationen und religiösen Orden zu machen, die bereits existierten, eine  anderen Weg der Heiligung. Man musste immer den Eindruck haben, dass er schon eine Vorahnung davon hatte, was das Werk Gottes sein wollte.

Die Hervorhebung durch Fettdruck stammt in beiden Fällen von mir. Im Zeugnis von Arturo Landa Higuera2 wird darauf angespielt, dass Escrivá schon während der Jahre des Jurastudiums in Saragossa an die Bedeutung der Heiligung der gewöhnlichen Arbeit nachgedacht habe. Bei Jesus Lopez Bello3 ist von der Sehnsucht Escrivás die Rede, dem Priestertum neue apostolische Möglichkeiten zu eröffnen. Ich vermute, dass alle diese Zeugnisse stark durch den Interviewpartner beeinflusst worden waren, wie wir es bereits gesehen haben, da es zu verdächtigen Übereinstimmungen kommt; man könnte ihre Texte auch noch näher untersuchen. Aber zumindest verweise ich auf die Beobachtung in dem Zeugnis vom 26/1/1948 des Jose Lopez Sierra, Regens des Seminars zur Zeit Escrivás, den wir bereits zitiert haben. Er hatte, hier fett gedruckt, eine Vorahnung angezeigt: Er kannte sie gut, er hatte mit ihnen im Institut und auf der Universität zusammengelebt, und er merkte ein Defizit in der religiösen  Bildung dieser junger Intellektuellen, und die bereits bestehenden Institutionen waren nicht geeignet, in ihrem Schoß modernen Jugendlichen eine geistige Heimat zu bieten, deshalb sei es notwendig, eine neue Institution zu gründen, die sie aufnahm. Mehrmals sprach er über dieses Thema mit mir anhand einer anonymen Regel, die uns durch Zufall in die Hände kam.4

Wie ich bereits geschrieben habe, kommt es mir vor, als sei dieses Reglamento von Escrivá selbst verfasst worden, als er an die Gründung einer Institution dachte. Im Hinblick auf die Vorschläge von Reglamentos war Escrivá einer von vier Seminaristen, die sich um eine Neuauflage der Zeitschrift La Verdad bemühten, in deren erster und einzige Ausgabe zu lesen war: „LA VERDAD“ erscheint von neuem, um die Einheit unter dem Seminaristen zu fördern, zu ihrer geistlichen und intellektuellen Bildung beizutragen und sie bei der Handhabung der Feder perfektionieren will. Und wenn er von Seminaristen spricht, meint er nicht die von San Francisco, sondern alle, besonders die der Erzdiözese Saragossa, denn im achten Satz heißt es: Es können Korrespondenten und Redakteure in den Seminarien der  Erzdiözese  Saragossa ernannt werden. Und in der Einleitung Wohin wir kommen liest man: Wir machen allen Seminaristen dieses Angebot und diese Einladung [zur Mitarbeit], insbesondere aber denen der Suffraganbistümer von Saragossa und besonders den Seminaristen von Saragossa.5

Und er sagt auch, dass diese Zeitschrift auf bemerkenswerte Weise einigen  Zielen Escrivás entgegen kam6.

Vazquez7 zitiert aus einem Brief Escrivás: Ich hatte eine neue Gründung gefunden – auch wenn ich vor dem  2. Oktober 1928 nicht wusste, worum es ging – die ganz offenkundig ein sehr genau beschriebenes Ziel hatte.

Wenn wir diese Zeugenaussagen zusammenfassen wollen, drängt sich der Gedanke auf, dass Escrivá schon in sehr jungen Jahren die allgemeine Vorstellung hatte, etwas zu organisieren, zu leiten und irgendeine Organisation zu gründen, die dazu dienen sollte, vor allem junge Menschen geistlich zu leiten und ihnen zu helfen, sich Gott zu nähern. Die Idee, ein Werk zu gründen, war also weder spontan noch improvisiert, sondern eine Konkretisierung dieser Idee und der Vorsatz, sie umzusetzen. Von daher lässt sich sicherlich an eine göttliche Eingebung denken, aber mir erscheint es plausibler, an eine Einfall ad hoc zu denken, der einigen augenblicklichen Nöten in seinem Leben aushelfen konnte und der auf einigen vagen Projekten beruhte, mit denen er sich schon seit vielen Jahren beschäftigte.

Ein weiterer wichtiger Beweis bietet die Catalina Nr. 441 vom Dezember 1931:

Eins, zwei, … drei juristische Fachgebiete für junge Leute, die lernen wollen, und die die man nebenbei mit dem Feuer Christi entflammen kann … Das, das empfinde ich als meine Berufung.

Das bedeutet, seine Erfahrung mit den Akademien brachte ihn auf das, was ihn anzog und was er schließlich selbst organisierte: Eine Akademie mit Pensionsbetrieb wie die von Jose Cicuendez. Man beachte, dass er in diesem Zusammenhang von Berufung spricht, und dass er deren Inhalt darin sieht, dass er als katholischer Professor arbeitet, sei er nun ein Priester oder nicht.

REKONSTRUKTION SEINER „VISION“

Es erscheint schwierig, sich auf diesem Gebiet der inneren Motivationen und der subjektiven Auffassungen Escrivás von seiner Gründung  zurechtzufinden. Ich möchte eine persönliche Interpretation neben anderen möglichen zeigen; dennoch biete ich historische Daten, die nicht entscheidend sein mögen, aber sie sind objektiv – die die persönliche Haltung einbeziehen, vor allem wenn man bedenkt, was das Werk Escrivás in Wahrheit ist und was es für die geistliche Entwicklung jedes einzelnen bedeutet.

Nehmen wir also an, dass Escrivá einige Neigungen entwickelt hatte: den Wunsch, in seinem Leben etwas Großes zu vollbringen; den Hang zu Vorzeichen, beide ihm von seiner Mutter beugebracht angesichts seiner Heilung; das Bestreben, sich keinerlei Autorität zu unterwerfen, entsprechend seinem rebellischen Charakter. Auf die Gefahr hin, den Leser zu lang­weilen, möchte ich diese Rebellionen aufzählen: Da ist die Inkardination in Saragossa gegen den ausdrücklichen Willen seines Ordinarius, der Beginn ziviler Studien und die Ausübung ziviler Berufe ohne die Erlaubnis seines Ordinarius, seine Weigerung, in Perdiguera weiterzuarbeiten, sein nicht wirksam gewordener Wunsch, den Auftrag in Fombuena abzulehnen, seine Flucht nach Madrid mit der Ausrede, hier seinen Doctor iuris zu machen, und seine aktive Bemühung, in der Hauptstadt inkardiniert zu werden, entgegen dem Eid, den er dem Erzbischof von Saragossa geleistet hatte. Die Folgen dieser Rebellionen waren sehr schädlich, aber er wollte das niemals anerkennen, sondern gab stets anderen die Schuld, vor allem seinem Onkel Carlos und der Kurie von Saragossa.

Ich ging diesen ganzen wallenden Kessel von Catalinas, durch, seinen intimen Aufzeichnungen, in denen sich alles um ihn selbst und seine Probleme dreht, ohne dass er sich eingestehen würde, dass er gescheitert ist, oder gar, dass er selbst sein Scheitern verursacht hat.

Denn er war so gut wie gescheitert: 1928 hatte er in seinem Doktoratsstudium noch so gut wie gar nichts weitergebracht, nach drei Jahren als Priester hatte er ein völlig unbedeutendes Curriculum: Er hatte eineinhalb Monate in einer Pfarrei gearbeitet (Perdiguera), er hatte in San Pedro Nolasco Messen gefeiert und Andachten abgehalten, von denen der Bischof von Saragossa gar nichts wusste; zwei Wochen lang, in der Passions- und in der Karwoche half er in einem Dorf aus (Fombuena), eine kurze Zeit hindurch feierte er die tägliche Heilige Messe in der Päpstlichen, der Nuntiatur zugeordneten Kirche St. Michael, 15 Monate lang war er Kaplan am Krankenstift. Er war weder Baccalaureus, noch Magister oder Doktor in Theologie, Philosophie oder Kanonischem Recht, Tutel, die viele seiner Kollegen erworben hatten. Er war Mag.  jur., aber er hatte weder die Perspektive noch die Ausdauer, mehr daraus zu machen, und durch seine Unbeständigkeit ritt er die Familie in eine immer tiefere materielle Notlage, nachdem er sich selbst zum Familienoberhaupt aufgeworfen hatte (vgl. Vazquez8). Wie wir gesehen haben, gab er sein Scheitern im Curriculum  in seinem Brief an Pou vom 23. Februar 1932 zu:  die Güte meiner Vorgesetzten in  Saragossa hat mich drei Jahre ohne Anstellung gelassen und drei weitere Jahre, in denen ich de jure, nicht de facto in der gleichen Situation war…

Er machte damals, im Oktober 1928, Exerzitien, eineinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Madrid, und er betrachtete sein vergangenes Leben anhand der Notizen, die er seit seinem 18. Lebensjahr gemacht hatte9. Und hier begeben wir uns auf das Feld der Hypothese. Vielleicht ging er seine unterschiedlichen Pläne durch:  Universitätsprofessor werden, so wie Jose Pou, und Apostolat vom Lehrstuhl aus machen; in den Lauf der Gesellschaft als Abgeordneter eingreifen; eine Institution gründen, so wie es ihm seine geliebten Freunde Manuel Gonzalez und Pedro Poveda vorgemacht haben10. Vielleicht erinnerte er sich auch an die eindrucksvolle Enzyklika Pius XI. über die Heiligkeit des Lebens aller Christen am Beispiel und nach der Lehre des hl. Franz von Sales, die er sehr wahrscheinlich im Amtsblatt der Diözese Saragossa gelesen hat. Vermutlich hat er dessen Darlegungen in den Tagen des Seminars San Francisco kennen gelernt und wiederholt mit dem Regens. Ohne nachzudenken – so passiert es uns ja auch, wenn wir herumgrübeln – hatte er plötzlich eine Idee oder ein Bild im Kopf: Eine Welt, die von Tausenden, Millionen Lichtern erhellt ist, Menschen, die durch ihr Beispiel und ihr Licht eines soliden christlichen Lebens leuchten. Als ich diese Arbeit zusammenstellte, las ich sie zusammen mit einem Freund, der auch lange Zeit Numerarier des Opus Dei war; und dann rief er aus: Das mit den brennenden Straßenlaternen! Und ich erinnerte mich, was Escrivá Ende der sechziger Jahre gerne widerholte, eine eigenartige Metapher. Sie bestand darin, die Berufung zum Werk mit der Straßenbeleuchtung einer Stadt zu vergleichen: Wenn jemand die Berufung zum Werk empfängt, verwandelt er sich in eine brennende Laterne, während jene, die dieses Glück nicht hatten, erloschen sind. Escrivá war sich nicht bewusst, dass er auf diese Weise alle braven Katholiken beleidigte, die nicht seinem Werk beitraten. Auch stimmten mein Freund und ich darin überein, dass wir nicht genau wussten, was Escrivá mit diesem Vergleich ausdrücken wollte. Sicher waren wir uns nur, das diese Metapher für ihn einen großen Wert hatte und für ihn seine Gründung erklärte: Die Städte werden von brennenden Laternen erhellt. Darüber spricht er auch verschiedentlich in seinen Catalinas. Sehen wir uns das Ende der Nr. 517 und als Fortsetzung Nr. 518 an, beide vom 28. Dezember 1931:

517. (…) Dann wird sie [die hl. Maria] mich auf die Stirn küssen und wird mit zur Belohnung einen großen Stern über den Augen zurücklassen. Und mit diesem neuen Licht werde ich alle Kinder Gottes sehen, die es bis zum Ende der Welt geben wird,  indem sie die Kämpfe des Herrn auskämpfen, und mit Ihm werden sie immer siegen... und es war mir, als hörte ich eine mehr als himmlische Stimme, wie ein Geräusch von vielen Wassern, und den laut eines gewaltigen Donner, der trotz seiner Intensität süß anzuhören war wie das Geräusch von vielen Zithern, die von zahllosen Musikern angeschlagen werden, und es hieß: Wir wollen, dass Er herrscht!  Alle Ehre für Gott! Alle mit Petrus zu Jesus durch Maria! …

Nr. 306 (2-X-1931). Tag der Heiligen Schutzengel, Vorabend der hl. Theresia: Heute sind es drei Jahre, dass ich die Erleuchtung über das ganze Werk empfangen habe, als ich diese Papiere las. Bewegt kniete ich nieder – ich war allein auf meinem Zimmer, zwischen zwei Betrachtungen – dankte dem Herrn, und ich erinnere mich  ergriffen an das Geläute der Pfarrkirche Unserer Lieben Frau von den Engeln), im Konvent der der Paulaner, als ich einige Notizen ordnete, die ich mit bis dahin gemacht hatte: An diesem Tag bemerkte das räudige Eselchen die schwere und schöne Last, die der Herr in seiner unaussprechlichen Güte auf seine Schultern geladen hatte. An diesem Tag gründete der Herr Sein Werk: Von da an begann ich dem Umgang mit Laien zu pflegen, seien es Studenten oder nicht, aber Junge. Und ich begann Gruppen zu bilden, zu beten, sie beten zulassen und zu leiden…! Immer ohne  Zögern, auch wenn ich nicht wollte!

Wie wir sehen, war seine Beschreibung drei Jahre nach dem Ereignis recht diffus: ich empfing eine Erleuchtung über das ganze Werk. Hier spricht er von keiner Vision, sondern von einer Erleuchtung, vielleicht über ein Projekt, das schon vorher existiert hatte, und das ihm jetzt wieder einfiel, als er seine Papiere sortierte. An diesem Tag bemerkte das räudige Eselchen die schwere und schöne Last. Das Eselchen bemerkte etwas, das schon da gewesen war, das es aber nicht als konkreten Auftrag begriffen hatte.  Sehen wir, was er vierzig Jahre danach dazu sagt: Nr. 475. Anm. 193: Vorahnungen, hatte ich seit Anfang 1918. Auch danach sah sich die Dinge, ich sah, dass der Herr etwas von mir wollte, aber ohne genau angeben zu können, was es war. Ich bat ihn und fuhr fort zu bitten. Am 2. Oktober 28 hatte ich dann eine klare Vorstellung von meiner Aufgabe. Von diesem 2. Oktober 28 an hatte ich keine der Inspirationen mehr, die mir der Herr gegeben hatte. (…) An genau diesem Tag – dem, 2. Oktober 1928 – beginnt die Verwirklichung, das Leben des  Opus Dei, noch ungeboren, aber höchst aktiv  [Anmerkung 1968].

518. Und bevor dieser atemberaubende Tag zu seinem Ende kommt, werde ich zu Ihm sagen: Oh, Jesus – ich will ein Freudenfeuer verrückter Liebe zu Dir sein! Ich möchte dass meine Umgebung die Welt entzündet, viele Kilometer im Umkreis, mit unauslöschlichem Feuer.

Weil er daran gewohnt war, überall Vorzeichen zu entdecken, sah sie Escrivá auch überall, und er verliebte sich in den Gedanken, dass Gott ihn für eine weltweite Aufgabe erwählt habe; er hatte seine ganz eigene Auffassung vom Priestertum , er war sich sicher, dass Gott ihm alle Steine aus dem Weg räumen würde, er allein würde in seiner Person das wunderbare Werk voranbringen, sein Auftrag war es, es umzusetzen, und da er dazu neigte anzunehmen, dass der Zweck die Mittel heiligt, konnte er annehmen, dass vor Gott sein Eid, in der Diözese Saragossa zu bleiben, ihn nicht mehr band – aufgrund eines unverständlichen Trugschlusses – seine Vision brachte es gleichzeitig mit sich, dass sein Werk alle Verpflichtungen stach und ihm als Ausrede diente, im Ungehorsam gegen die Hierarchie in Madrid zu bleiben.

Er steigerte sich in Ekstasen, statt sein Hirn zu gebrauchen.  Bis zu welchem Grad er delirierte, zeigt und sie folgende Catalina, die vermutlich aus dem Jahr 1930 stammt:

63. .Gefahr, dass wir uns bereichern? Nein, wir werden verschwenderisch sein! Es ist klar, dass Geld da sein wird  und (...) verstehe, dass jedes Haus seine Bilanz erstellen wird und die Vorschau auf das nächste Jahr. Vielleicht bleibt nun in einem Haus etwas überm, vielleicht auch etwas mehr, (...) und vom Rest – der vielleicht beträchtlich sein wird – werden wir einen Teil dem Heiligen Vater und der Weltweiten Zentrale des Werkes geben, und vom Übrigen werden wie viele Werke der Nächstenliebe durchführen, große Almosen geben, etwa: Die Zeitung X  gibt der Pfarrei Y 200.000 Pesetas für den Aufbau einer Pfarrbücherei; das Gymnasium A errichtet ein Gebäude in der Katholischen Universität von B; die ILOP stiftet eine hübsche Summe für Stipendien;  das Zentrum für Historische Studien spendet eine Million für den Ausbau der kirchlichen Archive; die Klinik M. errichtet ein katholisches Spital in China…

Aber was sah er wirklich? Ich denke, was auch immer er sah, sei es Phantasie oder eine echte göttliche Inspiration gewesen, muss recht diffus gewesen sein. In seinen Catalinas kommen wenigstens zwei Beschreibungen davon vor; sehen wir uns zumindest die eine an:

Dann sah ich weiterhin, sah… dass der Herr etwas von mir wollte, mir kam eine klare allgemeine Vorstellung von meiner Sendung. Er versichert uns, dass die Vision, die er hatte, nichts Konkretes im Detail war, sondern eine allgemeine Idee – eine klare Vorstellung, aber allgemein. Es könnte so allgemein gewesen sein wie der Gedanke, berufen zu sein, die Kirche durch die Erinnerung an den allgemeinen Ruf zur Heiligung des Lebens zu erneuern. Seit einiger Zeit dachte er in diesem Zusammenhang an junge Menschen, an Studenten oder Seminaristen. Nun weiterte sich sein Horizont, und das erfüllte ihn mit Enthusiasmus: Er war zu etwas Großem berufen, einem weltweiten Werk, das ewig währen sollte. Er dachte sogar daran, sein Priestertum um dieser Gründung willen aufzugeben.

FOLGERUNGEN

Es konnte ihm wie Luther bei seinem Turmerlebnis gehen, das heißt, der immer wieder auftauchende Gedanke an die Erlösung durch den Glauben und nicht durch Werke. Von da an änderte sich Luther von Grund auf, denn er fühlt sich sicher, dass der Mensch erlöst ist, wenn er nur glaubt. Und an diesen Gedanken sollte niemand rühren, niemand sollte es wagen, in seiner Gegenwart darüber zu diskutieren. Er wiederholte sie für sich und die andren auf viele Arten immer wieder, sogar blasphemisch: Sei stark im Glauben und noch stärker in der Sünde.

Der Motor für Escrivás Handeln war nicht die Furcht vor der ewigen Verdammnis, wie es bei Luther der Fall gewesen war, sondern die Unduldsamkeit, die von seinem eigenen Scheitern verursacht worden war – er wollte um jeden Preis eine tiefe Spur im Leben der Menschheit hinterlassen. Ich erinnere mich, dass Escrivá selbst in seinem Brief vom 14. Februar 1974 den hl. Cyprianus zitiert: impatientia etiam in Ecclesia haereticos facit, die Ungeduld schafft selbst innerhalb der Kirche Häretiker, das heißt, Führer, die zum Verlust der Wahrheit anleiten. In diesem Fall war es ein Führer, der zwar nicht zum Verlust des wahren Glaubens angeleitet hat, der aber für einen unersetzlichen Verlust haftbar zu machen ist, weil er die Orientierung zahlloser Menschen auf ein echt christliches Leben, auf die Gebote der Bergpredigt zerstört hat. Er hat seine Jünger isoliert, einer strikten Hierarchie und einem blinden Gehorsam unterworfen etc.

Das Omen, das heißt die angebliche Vision vom  2. Oktober 1928, gab ihm Sicherheit. Von daher kommt seine Anfangsenergie. Deshalb machte es ihm auch nichts aus, vorerst einmal ein kleiner Büroangestellter zu sein, wenn dies notwendig werden sollte, oder in einem Anwaltsbüro zu arbeiten oder Stunden in einer Akademie zu geben, auch wenn diese Zukunftsoptionen – Universitätsprofessor oder Abgeordneter – nicht ganz mit einer göttlichen Inspiration in Einklang zu bringen sind: Das, so denkt er, ist nur für den Moment, das Samenkorn, das unter der Schneedecke nach innen wächst. Sicher war er sich nur, dass dieses Samenkorn existierte und dass nur er es behütete, und er war sich dessen vollkommen bewusst, dass er nur auf der Erde war um dies zu verwirklichen [nämlich „Vater“ zu sein]11.

Das hinderte aber nicht, dass der Priester X oder P. Sanchez oder Don Norberto ihm seine Omina deuten halfen. Und er berief sich immer wieder auf Vorzeichen, die das Gründungsomen vom 2. Oktober bestätigen sollten: Wenn er die anderen betrogen hätte, wenn er sie betrog, dann solle Gott augenblicklich das Werk zerstören. er hat es nicht getan? Welcher Friede, welche Ruhe! Er zweifelte nicht mehr, dass das Werk von Gott war, denn wäre es eine menschliche Unternehmung, dann wäre er ein Verrückter, und da er das nicht ist, muss das Werk von Gott sein. Er hat recht gehandelt, weil ihn Gott die Rose finden ließ.

Denn wir haben Berufungen, Universitäten, Gymnasien, wir sind bereits in Kasachstan und in Singapur, deshalb muss es das Werk Gottes sein, und ich bin das erwählte Werkzeug, das Er ins Werk berufen hat. Ich stehe über den Bischöfen, Kardinälen und Päpsten; denn diese haben keinen besonderen Ruf empfangen, der sie unter allen Menschen der Weltgeschichte einzigartig macht.

Wie Luther, anfänglich schüchtern, auf seiner Burg schreibend, verwandelte er sich in einen Wüterich, sobald er seinen Anhang gefunden hatte. So wuchs auch Escrivá, dank seiner Überzeugungskraft, über sich hinaus, die Zahl seiner Anhänger stieg du damit auch seine Macht, durch die er sich, durch Wunderzeichen bestätigt, als auserwähltes Werkzeug Gottes fühlte. Und er hielt sich nicht nur für ein Werkzeug, sondern auch für einen Vermittler, und auch wenn das blasphemisch klingt, für den einzigen Vermittler zwischen Gott und den Mitgliedern des Werks. Es wagt es zu sagen, dass Gott sehr zufrieden damit ist, dass die Mitglieder des Werkes Escrivá vor den Ewigen Vater stellen. Und er erkühnt sich zu sagen: Wenn ihr nicht durch meinen Kopf, wenn ihr nicht durch mein Herz handelt, habt ihr euch im Weg geirrt,  und ihr gehört nicht zu Christus12.

Jetzt fehlt nur noch irgendein Ausspruch, in dem er sich noch über Jesus Christus stellt; aber Portillo und Echevarria haben sich bereits darum bemüht, die Vergangenheit umzuschreiben; manche Lagen in den internen Publikationen des Werks wurden ja auch einfach ersetzt und die Ausgaben neu gebunden. Mit anderen Worten, alle Kräfte eines Untergebenen Escrivás, der Verstand (Kopf), der Wille (das Herz) und das Gedächtnis (die Geschichte) müssen sich nach dem Verstand, dem Willen und der Erinnerung Escrivás richten.

Und er begann Regeln aufzustellen, Randsteine zu setzen, damit die Mitglieder jene Tugenden entwickelten, die er selbst sich zuschrieb, und damit sie seine Fehler nicht wiederholten, und damit sie alle Frömmigkeitsübungen praktizierten, die er für die seinen hielt. Er wollte sie zu Priestern machen, wie er selbst einer war, er erfand Berufungen, und es spielte dabei keine Rolle, ob diese Seelen jemals die Neigung verspürt haben, sich den Seelen im Wort und in der Spendung der Sakramente zuzuwenden, ob sie sich als Kinder der Kirche und Brüder ihrer Mitmenschen fühlten. Das einzige, was zählt, sind die Arbeiten, die das Werk voranbringen. Und er legte den Seinen einen geistigen Keuschheitsgürtel an, der sie daran hinderte selber zu denken, der sie daran hinderte, echte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, auch mit denen, mit denen sie zusammenkleben, und er ließ sie die natürlichen Impulse der Zuneigung zur eigenen Familie unterdrücken, und, was das Schlimmste von allem ist, all das im Namen einer angeblicher Gründungsvision, die unverrückbar bis ans Ende der Zeiten über das Leben der Mitglieder bestimmen sollte und die bezeugte, dass Gott Escrivá auserwählt und inspiriert hatte in allem, was Zweck, Organisation und Leben des Werkes ausmacht sowie seine Autorität zu lösen du zu binden und den Seinen die Überzeugung einzuimpfen, dass sie die ewige Verdammung verdient hätten, wenn sie das Werk verließen, und dass somit das Ausharren im Werk ihre Rettung garantiert. Den Beichtvater oder geistlichen Leiter selbst auszu­suchen, bedeutete einen Bund mit dem Teufel; so schließt sich der Kreis, das mentale Gefängnis, in dem sich ein Mitglied des Werks bewegt, dessen Gewissen es niemals wagt, die leiseste Kritik am Werk zu äußern, weil dies bedeuten würde, den  Teufel zu Tisch zu bitten.

Alle diese beschriebenen Grässlichkeiten sind wirklich geschehen, die reine Wahrheit, die ich selbst Jahrzehnte hindurch erlebt, unterstützt und ausgeübt habe. Ich bitte deshalb um Verzeihung und habe diese Seiten auch als Buße geschrieben. Es sind Dinge, die ich selbst gesehen habe, bis sich in den Mauern des Gefängnisses ein Verzweiflungsschrei darüber löste, als sich im Leben Escrivá unwahrscheinliche Lügen zeigten, die nicht mehr zu beschönigen waren und die mein Vertrauen völlig zerstört haben. Es dauerte noch Jahre, bis ich mich mit der Hilfe guter und heiliger Menschen aus diesem Kerker befreien konnte; und ich fühlte mich verpflichtet, mich nochmals intensiv, mit unbefangenem Blick, mit der Geschichte Escrivás, oder besser gesagt, mit seiner Hagiographie zu beschäftigen, die er selbst und durch andere geschaffen hat und die uns für so viele Jahre so blind gemacht haben.

Jaume Garcia Moles

(vorletzter Beitrag)

1 Jaime Toldra Pares, Josemaria Escrivá en Logrono (1915-1925), Rialp, Madrid 2007, S. 294.

2 Ramon Herrando Prat de la Riba, Los anos de seminario de Josemaria Escrivá en Saragossa (1920-1925), Rialp, Madrid 2002, S. 345.

3 Herrando, S. 346.

4 Wir wissen nicht, wer dieses Zeugnis gegeben hat, und zu welchem Zweck. Am 20. November 1948 kehrte Escrivá von Madrid nach Rom zurück, nachdem er in diesem Sommer und Herbst eine große Zahl von Bischöfen besucht hatte. Es ist möglich, dass er kurz vor diesen Reisen seinen alten Regens aufgesucht und ihn um ein Zeugnis gebeten habe, in dem auch die Episode mit dem anonymen Reglamento erwähnt wird. Im schlimmsten aller Fälle, der nicht ganz abzutun ist, hat Escrivá ihm das ganze Zeugnis vorgeschrieben. In diesem Zeugnis, das von Lopez Sierra unterzeichnet ist, findet sich der Zusatz: „Im Seminar begann er sein großes Werk, das nicht nur das katholische Spanien mit Staunen erfüllt, sondern das Zentrum der Katholizität, Rom selbst“. Wie er bereits bei der Datierung einiger Schriften fälschlich einen früheren Zeitpunkt angegeben hat, so versuchte er offenbar auch hier seinem Werk gegenüber anderen Gründungen eine Priorität einzuräumen, indem er die Anfänge nicht in das Jahr 1928, sondern in die Periode 1922-25 setzte.  

5 Herrando, S. 423 ff.

6 Herrando, S. 423 ff.

7 S. 288.

8 Bd. I, S. 185.

9 Catalina Nr. 414.

10 In seinen Catalinas kommen diese Dinge vor, z. B. in Nr. 678 (3/4/1932) : Es zeigen sich zwei Wege: dass ich studiere, einen Lehrstuhl bekomme und ein Weiser werde. In Nr. 1140 (Februar 1934) sagt er, dass ihn der Vikar von Madrid ermunterte, einen Lehrstuhl anzustreben, vermutlich weil er in Madrid noch keine feste Anstellung hatte. In Nr. 1680 und 1932 denkt er wieder an Prüfungen und Lehrstühle, aber nun interessieren sie ihn nicht mehr, ein Zeichen seiner Unbeständigkeit, und seine Übersiedlung nach Madrid hat damit ihren Grund verloren. In Nr. 1681, möglicherweise von 1931, kommt er auf dieses Thema zurück und verwirft den Gedanken an diese Prüfungen. Schließlich, in Nr. 1748 sagt er, dass er bis jetzt noch kein wirklicher Priester war, vielleicht ein angehender Anwalt, ein eingebildeter Literat, oder ein Architekt, der für seine Werke bezahlt wird (…), oder ich bringe Unruhe uns Parlament.

11 Vazquez, S. 557.

12 Diese Texte kann man in einer internen Publikation lesen, die der internen Bildung der Mitglieder des Werkes gewidmet ist, in Cuadernos 11. Der zweite Text ist verfügbar in Meditaciones IV, S. 354.