Dietmar Scharmitzer: Offener Brief an einen Numerarierpriester

 01.09.2016

 

 

Hochwürdiger Herr!

 

(„Lieber A.“ zu schreiben sträubt sich meine Feder. Der erzwungene neunjährige ausschließliche Kontakt mit Männern lässt mich da vor allem zurückschrecken, was nach Vertraulichkeit schmeckt. Wenn ich einmal Lust auf Gänseschmalz und herzenswarme Logenbrüderschaft bekommen sollte, sehe ich mir auf euren Homepages von Birkbrunn oder Kroisegg die Umarmungen der ungeküssten Nummis an. Im direkten Umgang mit den falschen Mönchen des Talmiheiligen halte ich mich dann aber lieber zurück. Im Übrigen hat mir schon seinerzeit Siegmund Freud geholfen, und statt des „lieben A.“ schlüpfte mir der „dumme A.“ heraus. Lassen wir das; wir haben einander nicht lieb.) Also: Hochwürdiger Herr Bischofssekretär - denn das wart ihr alle, das ist der Babystrich der österreichischen Numerarierpriester.

 

Manchmal bezahlt man Bequemlichkeiten sehr teuer; gelegentlich mit dem Leben. Du warst froh, dass du für deine Vorlesungen nur über die Straße gehen musstest. Hinter deinem Rücken (es ist doch besser, wenn man das Beisammensein nicht schwänzt) hat dich Christoph dann  aber so richtig dafür verarscht, dass du mit Wollmützen und fünf Paar Handschuhen eingezogen bist und glücklich warst, wenn es winterlich wurde und du frühmorgens Schnee schaufeln konntest. Und das war dann auch sooo eine liebe Anspielung, dass dir das Christkind eine hölzerne Aktentasche gebracht hat… Die Provinz macht vermutlich anfällig für die urbane Sekte, in der man lateinische Fachausdrücke lernt. So kommt man/frau von der Peripherie —ins Zentrum. „Sie müssen entschuldigen, ich bin aus der Steiermark“, hat die Elisabeth gesagt, und ein Jahr darauf war sie Supernumerarierin.

 

Ja, das Pyramidenspiel braucht Menschenblut. Bi, ba, bu, drin warst du. Kränk dich nicht, wir haben fast alle während der Novene gepfiffen. Und dann kommt man sowieso nicht mehr zum Nachdenken, und bald kann man sich nicht mehr vorstellen, ohne den Geruch von Kerzen und Salmiak zu leben, und man weiß nicht mehr, dass man einmal eine Familie und Hausschuhe hatte.

 

Den „Geist des Werkes“ hast du gründlich gelernt. Unser Jüngster hatte seine Mutter verloren, Schulden geerbt, wusste nicht mehr ein noch aus. Du hattest mir streng verboten, mich um ihn zu kümmern, wurdest wütend, als ich ihn auf den Friedhof begleitet, ihm beim Übersiedeln geholfen, ihn zum Essen eingeladen hatte. Der „Geist des Werkes“ hätte darin bestanden, Michael im Stich zu lassen, als es ihm am schlimmsten ging. Eine tolle Familie; und du hast brav mitgemacht.

 

Hast du dich allen Ernstes nicht bis in dein Innerstes geschämt, den fünfundachtzigjährigen Julius, von dem ihr alle hättet lernen können, was ein Christ ist, um seine Aktien anzugehen?

 

Und mich hast du an den Sklaventreiber E. ausgeliefert, weil er „auch ein Direktor“ ist. Wenn er seine Arbeit nicht allein machen kann, dann hätte er nicht den Zölibat wählen dürfen. Entschuldigung, wir haben ihn ja alle nicht gewählt. Aber ich habe etwas von ihm gelernt: Niemand konnte so inbrünstig in allen möglichen Tonlagen hintereinander „coño“ sagen. Quod non accipitur… Weil es ihm zu fad war, seine Rechnungen allein zu machen, musste ich Tag für Tag für ihn parat stehen und ihm helfen, und ich war nicht der Einzige. Soll ich Namen nennen?

 

Dein Vorgänger W. war wenigstens noch ein Herr, der die Stirn hatte, mich im Prüfungsstadium meines Diplomstudiums vor der Zumutung abzuschirmen, für die Numerarier Möbel zu schleppen. Du warst als Leiter feig und hinterhältig. Als ich dir sagte, dass ich gehen wollte, mutiertest du wie Frodo Beutlin, als ihn der Ring in seiner Gewalt hielt; dein hasserfülltes Gesicht werde ich nicht mehr vergessen, und die Häme in deiner Stimme: „Du weißt doch sonst so gut, wie es weitergeht.“

 

Viel schlimmer: Mit welchem Recht hast du dich über die intimsten Dinge meines Innenlebens informiert? Die Kirche weiß nichts davon, dass Laien dieses Amts verpflichtend ausüben und dass dieser Dienst jemandem aufgezwungen werden dürfe, und wenn es die internen Vorgesetzten sind, ist dies auch streng verboten. Mit welchem Recht hast du, was ich dir erzählt habe, unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit, vom dem im opus so viel die Rede war, weitergetragen, diskutiert, niedergeschrieben, archiviert?

 

Hast du hinter meinem Rücken den Verdacht geäußert, ich wäre schwul? Mit welchem Recht? Wenn nicht – kannst du mir erklären, wieso ich im Jahr 1991 isoliert und immer wieder in diese Richtung ausgefragt wurde? Und dann hattest du dir einen erniedrigenden Gag ausgedacht, den du unbedingt bei der Aussprache loswerden musstest. Es war völlig unerheblich, was ich dir erzählte; du sagtest, was du dir zurechtgelegt hattest, egal, ob es passte oder nicht. A propos: Wem hast du erzählt, dass ich vom Teufel besessen sei? Ich weiß es von mehreren... Was Paul über Peter sagt, sagt viel mehr über Paul als über Peter aus.

 

Das geht alles irgendwie noch. Man könnte es als persönliche Erbärmlichkeit durchgehen lassen, wenn sich jemand hinter seinem Amt versteckt. Aber dass die schöne Mutter, das Werk, ein falscher Fünfziger ist, das hast du gesehen, es hat dich nicht gestört. „Deshalb lassen wir niemanden die Statuten lesen“, meintest du süffisant, als ich dich auf eine Passage auf den Text hinwies, der das Leben im opus gesetzlich regeln sollte. Kein Mitglied bekommt sie einfach so zu lesen, und wäre ich nicht zufällig Latinist, hätte ich sie auch nicht verstanden. Bei welchem Charakterschwein hast du gelernt, einen solchen Betrug an den Seelen, aber auch an der kirchlichen Aufsichtsbehörde lächelnd gutzuheißen? Oder hast du nicht aufgepasst, wie man denen, die man über den Löffel balbiert, Honig ums Maul schmiert? Kinder, Kinder, man sagt so etwas doch nicht offen! Das kommt davon, wenn man den Alp-Öhi Direktor werden lässt. Und wie du dann glücklich ein ganzes blühendes Zentrum verbröselt und alle hinausgeekelt hattest, hat man dich zur Belohnung Priester werden lassen.

 

Der Betrug beginnt, wenn du dir in der Früh den Römischen Kragen umlegst – du verkleidest dich als Mann Gottes, du trägst ein Zeichen, das in vielen Menschen Vertrauen und Respekt erweckt, und bist dabei nur der schäbige Zuträger einer geldgierigen und machtgeilen Kindersekte. Du bist kein Priester Gottes; du bist der Funktionär, eine Marionette gesichtsloser feiger Apparatschiks, die alles bei ihrem Leiter abgegeben haben, einschließlich ihres Charakters, arbeitsscheue Schnüffler und Seelenkriecher, die sich von den Blähungen der spanischen Diva klemmen lassen. Juwelen auf der Leibwäsche, Weihrauch am Klo und ein zickiges Rumpelstilzchen im Himmel. Das absurde Schauspiel eines Schwanzes, der mit dem Hund wedelt. Mit einem toten Hund. Aus Barbastro.

 

Du wirst einsam sterben, vernachlässigt von deinen „Brüdern“, die dir nicht mehr zu nahe kommen wollen. Schade. Du hättest ein Christ sein können, und ein netter Kerl dazu.

Dietmar Scharmitzer