Als  die Seligsprechung Escrivás Anfang der neunziger Jahre bevorstand, baten verschiedene ehemalige Mitglieder des Opus Dei, mit ihrem Zeugnis im Prozess angehört zu werden. Die Vatikanische Kongregation für die Seligsprechungen, die wundersamerweise vom Opus Dei dominiert wurde, verweigerte aber alles zur Kenntnis zu nehmen, was irgendwie nach Kritik an ihrem Protagonisten aussah.

Einige dieser Zeugnisse erschienen im Verlag Libertarias/ Prodhufi in dem Buch „Escrivá de Balaguer - Mito o Santo?“ (EdB – Mythos oder Heiliger).  Wir bringen als Auszug daraus das Zeugnis von Miguel Fisac.

ICH HABE IHN  NIEMALS GUT ÜBER JEMANDEN REDEN HÖREN

Miguel Fisac Serna, 29. 9. 1913 - 12. 5. 2006

In der Sendung „La Clave“ (7-2-92) sagte ich mit Bezug auf Herrn Escrivá: „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals über irgendjemanden gut gesprochen hätte.“

Ich gebe zu, dass das eine heftige Behauptung ist. Und der Journalist der „Vanguardia“, Ricardo Estarriol, der den Vater Escrivá nur einige Male und besuchsweise erlebt hatte, bei einer Arbeitsbesprechung, kommentierte:

- Ich zweifle nicht an dem, was Fisac sagt. Aber ich habe ihn ganz im Gegenteil über alle gut reden gehört.

Da musste ich ihm erklären, dass ich diesen Herrn näher kannte, aus Intimdistanz. Ich habe mit ihm gegessen, gefrühstückt, zu Abend gegessen, nicht einmal, sondern viele Tage, viele Jahre lang. Ich habe ganz Spanien Hand in Hand mit ihm im Auto durchquert, wir sangen zu zweit. Ich habe ihn sogar, bei der Überquerung der Flüsse in den Pyrenäen, auf dem Rücken getragen, und bis zu dem Tag, als er die berühmte Rose aus Holz in Rialp gefunden hatte, schlief ich mit ihm unter einer Decke. Das heißt, ich kannte ihn nicht nur von Besuchen.

Der Journalist war ebenso wie der Theologe Illanes gewohnt zu hören, was der Vater gesagt hatte, aber nach außen hin, wie bei den Videos, die in seinen letzten Lebensjahren produziert worden waren, um ihn dem Publikum zu präsentieren.

Ich war einer der ersten 20 oder 25, die dem Opus Dei beitraten. Genauer gesagt: am 29. Februar 1936.

Während der spanischen Republik gab es religiöse Verfolgungen, die mich sehr beunruhigten, ebenso wie andere junge Menschen. Ich erinnere mich an eine Karwoche, bei der die Prozessionen in meinem Dorf, in Daimiel, beschossen wurden,. und war tief unglücklich. Ich kehrte sehr aufgeregt nach Madrid zurück, in die Pension, in der auch ein Freund wohnte, Pedro Casciaro, der so wie ich Architektur studierte. Ich erinnere mich daran, dass er sagte:

- Ich habe einen interessanten priester kennengelernt und möchte ihn dir vorstellen.

Als mir Herr Escrivá schließlich nach vielen Geschichten, die er erzählt hatte, ohne klarzumachen, worum es hier ging, denn um alles wurde ein großes Geheimnis gemacht, erzählte, was der Hintergrund all dessen war, bekam ich es mit der Angst zu tun und sagte:

- Ich will hier nirgend hineingeraten.

Ich hatte es gesagt, dass ich keinesfalls beitreten wollte, aber ich war bereit in allem zu helfen, worum man mich bat. Sie baten mich etwa, ein  Bild für den Speisesaal zu malen, und ich malte eines und noch das eine oder andere. ich war jedenfalls sehr gutwillig.

Aber eines Tages mischten sich zwei Studienkollegen ein, Pedro Casciaro und Paco Botella, die schon dabei waren und mich auf unfassbare Weise unter Druck setzten.  Herrr Escrivá wurde mein geistlicher Leiter.

- Mach dir keine Sorgen, sagte er zu mir.

- Ich bin bereit mitzuhelfen, aber nicht mehr – darauf bestand ich.

- In Ordnung, Mach dir keine Sorgen, wiederholte er.

Eines Tages rief mich Pedro Casciaro und sagte, dass mich der Vater sehen wolle.

Ich war einigermaßen besorgt, denn einige Tage zuvor hatte meine Bruder in der Lotterie gewonnen, und ich stellte mir vor, dass die Geld von mir wollten. Aber als er kam,  nahm er mich in sein Arbeitszimmer und sagte zu mir:

- Miguel, ich glaube, dass du Berufung hast.

Ich hatte nicht die Kraft nein zu sagen. In Wahrheit wollte ich dort nicht beitreten und war einfach nur schwach. Und von Anfang an wollte ich weggehen oder sterben.

Eins der Dinge, die Herr Escrivá beständig wiederholte, war, dass wir, als einen Akt der Treue, niemals außerhalb beichten dürften: „Die schmutzige Wäsche wird zuhause gewaschen“, sagte er uns. Und ich fühlte mich verzweifelt. Es ist richtig, dass ich keinerlei Proselytismus machte. Wenn ich schon selber gehen wollte, dachte ich mir, wie konnte ich dann andere einladen? Einmal tat ich es, und dann tat es mir leid. Eines Tages waren Alvaro Portillo und ich in Valencia, und sie sagten mir, es ginge darum, letzte Hand bei einem Jungen anzulegen, der beinahe schon bereit war beizutreten. Obwohl ich selbst nicht dazu bereit war, sprach ich mit ihm, und er sagte ja. Nachher fühlte ich mich sehr schlecht, weil ich ihn dazu genötigt hatte. Es handelte sich um Federico Suárez, der jetzt Kaplan des Königlichen Hauses ist. Ich würde ihn gerne um Verzeihung bitten, weil ich ihn dazu gedrängt hatte.

Ich blieb viele Jahre im Opus. Die Stimmung war angenehm, die Leute halfen einander, und alles schien gut. Wir hatten alle eine vergleichbare Bildung und eine gute Kinderstube.

Freilich, man verrichtete zahllose Frömmigkeitsübungen. Mich erschöpften sie, weil sie kein Ende nahmen. Die Aufopferung des Tagewerks, die halbe Stunde Gebet, die Messe, die Kommunion, der Angelus, die drei Teile des Rosenkranzes etc., und wenn der Tag um war und du dein Gewissen erforschtest, kamst du immer noch drauf, dass du einige Normen ausgelassen hattest. Niemals aber fragte man sich: Was habe ich heute für meinen Nächsten getan?

Und statt dass ich darüber nachdachte, ob ich etwas für meinen Nächsten getan hätte, dachte ich darüber nach, ob ich die Geistliche Lesung vergessen hatte oder das Partikularexamen oder irgendein Gebet. Alles das machte mich leiden, weil ich sehr gewissenhaft bin.

Sofort nach dem Ende des Studiums begann ich zu arbeiten. Das war es, was mir Freude machte und was einen Großteil meiner Zeit in Anspruch nahm. Ich hatte niemals einen internen Auftrag zuhause und wollte auch keinen.

Was das Priestertum betrifft, gab es seine sehr harte Sache. Herr Escrivá kam und sagte: Du wirst Priester, du nicht.

Ich kenne einige Personen, die Priester werden wollten, und er erlaubte es nicht. Vincente Rodríguez Casado, Universitätsprofessor für Geschichte, den man  nachher durch sein Amt als Generaldirektor kannte, hatte eine Berufung zum Priester und wurde keiner, und der Ingenieur für Wegebau , Fernando Valenciano, der eine klare Berufung hatte, wurde es ebenso wenig. Was mich betrifft, so kannte der Vater meine negative Einstellung genau und versprach mir, als eine große Ausnahme, dass ich nicht Priester sein würde.

- Ich verspreche dir, dass du nicht Priester sein wirst, versicherte er mir.

Das gab mir eine größere Ruhe. Aber ich war dennoch sehr beunruhigt, als er das Problem der ersten Priester aufwarf (Alvaro Portillo, José Luis Muzquiz, José María Hernández Garnica, Ricardo Fernández Vallespín) und fürchtete, dass er es mir vorschlagen könne.

Beim Seligsprechungsprozess von Herrn Escrivá haben mich mehrere Priester des Opus Dei diskreditiert, indem sie sagten, dass mein Verhalten widersprüchlich sei, von meiner emotionalen Unbeständigkeit herrühre, von innerer Unruhe, obsessiven Ideen und Verfolgungswahn. Ich verstehen nicht, warum mir dann Herr Escrivá Briefe mit vier Bögen schrieb, in denen er mich zum Elektor ernannte, eine Stellung, die er sehr wenigen gab. In diesem Brief, den er eigenhändig geschrieben hatte, verpflichtete er mich, nachdem er meine Arbeit im Werk sehr gelobt hatte, dass ich einer von denen sein sollte, die den nächsten Präsidenten des Opus Dei wählten, wenn er gestorben sei.

Als ich das Opus Dei verließ, beauftragte natürlich der Vater selbst Antonio Pérez, dass ich diesen Brief zurückgeben solle, was ich unverzüglich machte.

Ich erinnere mich auch daran, dass er mich eines Tages zu sich rief und mir sagte, dass er mich, auch wenn ich nicht Priester würde, zum Mitglied der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz machen wolle.

- Ich möchte, dass du ausnahmsweise dieser Gesellschaft angehörst, sagte er mir.

Da ich vorhatte wegzugehen und nicht mich noch weiter zu binden, versicherte ich ihm:

- Kann ich nein sagen?

- Ja, sagte er mir.

- Dann sage ich nein, antwortete ich ihm.

An diesem Nachmittag sagte mir Alvaro Portillo, dass ich dem Vater großen Kummer bereitet habe.

Unglücklicher­weise war mir im Werk jene Aufgabe zugefallen, die mich am wenigsten interessierte: das Geld. Mir kam es zu, viel zu arbeiten, denn das  Opus gab mir die Arbeit. Das stimmt aber so nicht. Zu dieser Zeit hatte ich mehr als genug Arbeit. Wir waren zehn Architekten, die aus dieser Schule hervorgegangen sind, und mir wurden sofort verschiedene Posten angeboten. Der Generaldirektor, D. Pedro Muguruza schlug mir vor, dass ich in sein Arbeitszimmer kommen solle, und dann hat sein Bruder José María das auch versucht.

In diesen Jahren gab es viele Aufträge zu erledigen, und deshalb warfen sie auch viel Geld ab. In meinem konkreten Fall gab ich alles, was ich verdiente, dem Werk, und ich war der, der am meisten verdiente, den die anderen drei oder vier, die mit mir waren, hatten das Gehalt von Universitätsprofessoren, das nicht so bedeutend ist. Meine Honorare waren es. Das liebe Geld war dann auch der Grund, warum sie gerade mich in Daimiel aufsuchten. Ich hatte erst angenommen, dass sie mich retten wollten, und dann erst verstand ich, dass mein Vater das Geld hatte, um den Übergang über die Pyrenäen in die Nationale Zone zu finanzieren.

Während der Jahre, die ich im Opus war, verschleppte ich ein inneres Leiden, das bewirkte, das ich häufig aufschrie. Manchmal empörte ich mich über Herrn Escrivá, und dann bat ich ihn wieder um Verzeihung. Er antwortete und nahm der Sache jegliche Bedeutung.

- Aber mach dir keine Sorgen, du hast mir ja nichts gesagt.

Ich dachte, dass er und die anderen mich sehr liebten und deshalb tat es mir weh zu gehen. Ich liebte sie wirklich und liebe sie weiterhin, auch wenn ich bei ihnen keine Erwiderung fand. Aber für einen, der von dort weggeht, gilt die Regel, dass er nicht mehr existiert, er ist für sie tot, oder so als wäre er ein Feind, den man verfolgen müsse.

Nun fühlte ich mich in meinem Gewissen verpflichtet darüber Zeugnis abzulegen, und deshalb tue ich es. Es geht mir sehr schlecht, wenn ich all das schreibe. Aber ich glaube, dass ich die Pflicht habe das zu tun.

Als ich mich widersetzte und sagte, dass ich das Werk verlassen werde, war ich in Madrid und der Herr Escrivá in Rom. Antonio Pérez sagte zu mir:

- Ich habe mit dem Vater gesprochen, und er hat mir gesagt, dass du gehst, aber er möchte mit dir reden, bevor du das tust.

Ich nahm den nächsten Flieger nach Rom und meldete mich dort. Sie erwarteten mich auf dem Flughafen, und da es elf Uhr nachts war, sagten sie, ich solle mich niederlegen, ruhig schlafen und am nächsten  Tag die Messe des Vaters hören; er werde mit mir sprechen.

So geschah es, und ich erklärte ihm, dass ich so nicht weitermachen könne. Das war nichts Neues für ihn, wir hatten das schon mehrere Male besprochen. Er sagte mir, ich solle mit Alvaro sprechen.

Das erste, was Alvaro tat, war, dass er mir gegenüber seinen Ärger darüber ausdrückte, weil Pepe Montañés sich letzte Woche nicht korrekt in einer Geldangelegenheit mit meinem Vater verhalten hatte. Ich antwortete ihm, dass das. was er getan hatte, mich sehr gestört hätte, aber das  hätte nichts mit meiner Entscheidung zu tun zu gehen. Dann erinnerte er sich und antwortete:

- Miguel, ich möchte dich um Verzeihung bitten für den Druck, den wir dir gemacht haben, damit du nicht gehst, aber du hast während all dieser Jahre so großzügig gehandelt, dass wir dachten, du hättest Berufung.

Ich packte meinen Koffer, und als ich ging, sagte Alvaro zu mir:

- Der Vater muss jetzt nach Wien fahren und sagte mir, dass es ihm Freude machen würde, wenn du ihn chauffierst.

-Alvaro, sagte ich ihm, vielen Dank für das Angebot, aber ich muss nach Madrid gehen.

Sie fuhren fort mit dem Laster, das sie heiligsprechen wollen: dem Heiligen Zwang.

Schließlich landete ich auf der Straße. Ich atmete auf. Die Heimlichtuerei und Lüge all die Jahre, die ich vom Werk war, hatten mich erschöpft. (Vor einigen Wochen habe ich im Programm „La Clave“ miterlebt, wie diese zwei Priester logen). Ich wusste, dass sie gelogen haben, und sie wussten es auch. Und so stand ich denn auf der Straße, mit einem kleinen Köfferchen, wenig Gepäck, keinen Groschen in der Tasche, unterwegs zu meinen Eltern, und ich dachte:

- Gut, Miguel, das ist eines ganz klar, erstens wirst du immer die Wahrheit sagen, so bist du. Und dann wirst du gut sein und es nicht mehr so mühselig haben.

Denn was heißt es, gut zu sein? Nun, die anderen zu lieben, nichts weiter.

Seitdem habe ich mich bemüht, meine religiöse Bildung neu zu orientieren und umzuerziehen. Oder besser gesagt, mein tiefes religiöses Gefühl. Und ich glaube, dass es mir heute das besser geht als damals. Im Opus gibt es nur die Frömmigkeit. Ist die Frömmigkeit etwas Schlechtes? Nein, wenn sie dem Glauben dient. Sie ist schlecht, wenn sie als alleinige Lösung für alles präsentiert wird.

Über die Gründung, die das geistliche Fundament des Opus Dei bildet, gibt es nur die von Herrn Escrivá niemals bestätigte Mitteilung, dass Gott ihm eines Tages an einem bestimmten Ort die Arbeit gezeigt hatte, die er vollbringen sollte: die Heiligung der gewöhnlichen Arbeit, Jesus an die Spitze aller menschlichen Tätigkeiten zu stellen etc., etc. Darüber habe ich Herrn Escrivá oftmals sprechen gehört, so einmal, als wir beim Kloster der Paulaner in der Straße García de Paredes vorübergingen, wo er diese Eingebung hatte.

Ich dachte, dass dieses Phänomen eine große übernatürliche Bedeutung hätte, aber er klärte das niemals auf und erzählte uns auch keine Details. Ich rege an, dass diese Frage einmal vom Fachleuten untersucht wird, und dass man das Ergebnis den Gläubigen mittteilt, ohne ein Geheimnis daraus zu machen, denn das ich das Entscheidende bei der Gründung des Opus Dei.

Diese Eigenart von Herrn Escrivá, sich auf ein angebliches Mysterium zu berufen, etwas Übernatürliches, nutzte er und brauchte es für alles, was er sagte und tat, auch wenn das, was er sagte, manchmal dem widersprach, was er tat. Und dann wurde alles was der Vater tat und sagte, obwohl das Tun und das Sagen im Widerspruch zueinander waren, von seinen Kindern wie das Wort Gottes aufgenommen.

Als ich Kardinal Tarancón schrieb, dass ich im Prozess eine Aussage machen wollte, den er durchführte, erklärte ich ihm, dass es nicht leicht war die Gestalt dieses Herrn zu beschreiben. Denn er war seine sehr komplexe Persönlichkeit, der mit gezinkten Karten spielte, aber er hatte auch die übernatürliche Karte. Und manchmal spielte er sie aus und gab damit ein wider­sprüchliches Bild ab.

Beispielsweise wohnte ich in diesen letzten Zeiten im Haus Diego de León 14,  zusammen mit Alvaro Portillo, Antonio Pérez, Luis Valls, Florentino Pérez Embid und einigen mehr, und ich erinnere mich, dass der Vater mittags und abends mit uns im Hauptspeisesaal aß, und dass es kein wichtiges Fest im Opus gab, das er nicht zerstörte, sei es der Heilige Abend oder sonst etwas. Er wurde plötzlich wütend, wir wussten nicht warum, und er zog sich auf sein Zimmer zurück und ließ uns verdattert herumsitzen. Das war bei ihm etwas ganz Gewöhnliches. Wir wussten nie, wie er auf etwas reagieren würde, und er gab auch keine Erklärungen. Ich dachte, er glaubte vielleicht, er müsse aus asketischen Gründen so handeln.

Das Gleiche geschah bei den Frauen. Er behandelte sie sehr von oben herab und als Vater. Denn plötzlich spielte er eine Karte aus, und diese Armen fielen aus allen Wolken.  So ließ er sie beispielsweise wieder und wieder ein Omelett machen, weil es ihm nicht richtig erschien.

 

Jemand wird meinen, dass der Herr Escrivá einen feinen Gaumen hätte, aber ich glaube, dass er sie provozierte, damit sie geduldig seien, wie in den Geschichten, wo in einem Konvent der Superior sehr lästig war, um den Glanz dieser Tugend stärker hervorzuheben. Aber es war sehr schwer, ihn näher kennenzulernen, weil er uns betörte, ohne dass wir es genau mitbekamen.

Ich erinnere mich, das seines Tages ein Priester aus Barcelona nach Madrid kam, der viele Jugendliche geistlich leitete. Ich denke, sie hatten miteinander korrespondiert. Und als der Vater erfuhr, dass dieser Herr kommen sollte, den er kannte, sagte er zu mir:

- Er ist gekommen, um sich den komischen Vogel anzusehen. Wir werden ihn mit dem Auto herumführen.

Und vom ersten Moment an gab er sich Mühe sich möglichst absurd zu benehmen, um beim anderen Anstoß zu erregen. Er sagte mir, ich solle ein Lied von Conchita Piquer singen, das er trällerte, wir hatten eine belanglose Konversation, er führte uns in ein sündteures Lokal zum Abendessen, und als wir zurückfuhren, war jener arme Priester komplett eingeschüchtert, und er musste lachen, als er sah, welche Verwirrung er ausgelöst hatte.

Natürlich hielt er sich für einen Auserwählten Gottes und verdammt dazu, ein Heiliger zu sein.

Merkwürdigerweise erlebte er im Lauf der Jahre immer wieder Banalitäten, die ihm immer als etwas besonders Schlimmes vorkamen, und ich habe gehört, wie er darüber klagte.

Eigenartigerweise gab es in seinem Leben aber auch eine Reihe mehr oder weniger parapsychologischer Vorkommnisse, die er niemandem oder fast niemandem erzählen wollte. Ich war ausnahmsweise Zeuge eines solchen Ereignisses.

Als ich während des Krieg seines Tages nach Burgos kam, erzählten sie mir, dass ein wichti­ger Mensch hier erfahren hatte, dass der Vater von Pedro Casciaro einer der Chefs der Sozialisten von Albacete war, und obwohl er einen guten Draht zum Rekrutierungsbüro des Generals Orgaz hatte, war sein Sohn an vorderster Front im Kampf. Ich musste ihn besuchen und beruhigen, damit er keine Anzeige erstattet. Und als ich in meiner Offiziersuniform, die ich zum ersten Mal trug, hinging, baten sie mich, dass ich hingehen und mit seiner Frau sprechen sollte, und Herr Escrivá würde diesen Herrn besuchen gehen und ihn davon über­zeugen, Pedro nicht anzuzeigen. Und als ich diese Dame aufsuchte, wurde sie hysterisch und sagte, dass Pedro ein Roter sei, dass ich für ihn zahlen müsse, und dann warf sie uns auf eine schlimme Weise hinaus.

Als wir erneut mit dem Vater im Hotel Sabadell beisammen waren, erzählte ich ihm, dass sie mich aus der Fassung gebracht und sich sehr schlimm aufgeführt habe, und er meinte zu uns:

- Nun, wenn es euch tröstet, ich hatte es schlimmer. Dieser Herr hat sich wie ein Basilisk aufgeführt, und dann verblieben wir mit ein paar kräftigen Schlückchen Schnaps.

Nach dem Essen gingen Pedro Casciaro und Paco Botella in ihr Büro, Albareda ging auch, und ich blieb mit Herrn Escrivá allein. Dann, im Erker der Wohnung unseres Hotels, murmelte er: Morgen wird der Sohn dieses Mannes sterben.

Dieser Satz verblüffte mich, und ich verstummte. Wir machten uns daran zu schreiben und unsere Dinge zu erledigen, bis sieben Uhr abends, dann schlug er mir vor umzukehren:

- Wenn du willst, können wir in die Kathedrale gehen und den Besuch beim Allerheiligsten machen.

So geschah es auch, und als wir die Kathedrale verließen, sahen wir in einer Ecke die Todesanzeigen, und dort fand sich auch der Name des Mannes, mit dem er am Morgen gesprochen hatte. (Herr Escrivá hatte gesagt, dass der Sohn sterben werde, und dann setzte er stattdessen den Vater ein).

Urteile nicht über ihn, ermahnte er mich, beten wir für ihn.

Nachdem Herr Escrivá mir das erklärt hatte, ohne ganz klar zu sagen, hatte ich verstanden: „Morgen Begräbnis“ und deshalb hat man angenommen, dass er bald sterben würde.

War das eine Vorahnung? Ich weiß es nicht, Vorahnungen von der Sorte haben viele Menschen. Aber tief in seinem Inneren war Herr Escrivá überzeugt davon, ein Auserwählter zu sein.

Ich erinnere mich, dass sie mich diese Erfahrung für die Nachwelt niederschreiben ließen, als ob es sich um etwas Übernatürliches handelte, und man müsste der Zukunft die Macht des Vaters beweisen.

In den ersten Zeiten hatte Herr Escrivá uns aufgefordert ihn zu duzen; aber später bemerkte er, dass seine Kinder ein wenig den Respekt verloren, und zog das Wort zurück; er wurde distanzierter. Als ich beitrat, war es bereits üblich, ihn Vater zu nennen.

Von klein auf hatte er einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex, als er seine Familie geringgeschätzt sah, und mit der Zeit verlor er die Kontrolle darüber. Die Titel, der Adel, die Wappen faszinierten ihn. Als es ihm gelang, die Freundschaft der Marquesa de Macmaon zu erlangen, schmiedete er große Pläne. Hier lernte er, wie ein Tisch korrekt gedeckt wird, und er sah, wie die Hausangestellten in perfekter Eleganz servierten, mit Häubchen und weißen Handschuhen. Die spanische Aristokratie hatte ihn schwer beeindruckt.

Seine Bemühungen um den Titel eines Marqués de Peralta, so denke ich, den ich habe einen Kommentar darüber gehört, war dafür gedacht, dass er dem Malteserorden vorstehen können, das es in deren Statuten so vorgesehen ist, dass ihr Großmeister (oder wie er heißt) Adeliger ist.

Sein Familienname war lediglich „Escrivá“. Ich habe ihn mehrmals gehört, dass sie ihn, als er als Rektor des Königlichen Kollegiums von Santa Isabel Adeligen vorgestellt wurde, fragten: Escrivá de Romani? und er musste nein sagen, was ihm eine gewisse Missachtung von Seiten seiner Gesprächspartner einbrachte. So fügte er das „de Balaguer“ hinzu. Aus dem gleichen Grund musste Alvaro Portillo das „del“ seinem Namen voranstellen, weil ihm das einen aristokratischen Anstrich gab.

Mir scheint, dass sich Herr Escrivá sich darüber rechtfertigte, über die Nichtigkeiten und Großtuereien, die er zeigte, dass er immer al seine wichtige Person erscheinen müsse, denn so verlangte es der Respekt vor seinem Werk. Deshalb ging er auch in kein schlechtes Hotel, sondern in ein luxuriöses. Er konnte keine billigen Manschettenknöpfe tragen, es mussten goldene sein. Und bei jeder Angeberei spielte er die übernatürliche Karte aus. Er beruhigte sein Gewissen damit, in dem er versicherte, dass es zum Besten des Werks geschehe.

Er hatte eine kritische, sehr harte Auffassung von den Leuten, auch von seinen Leuten. Mich ärgerten seine völlig unerfreulichen Kommentare. Er kritisierte ständig Priester, Mönche und Nonnen. Die Jesuiten mochte er nicht. Ganz naiv nannte er sich selbst antiklerikal.

In Rom war ich oftmals mit ihm zusammen. Er ging gern in den Petersdom. Er stellte sich vor die Statue des hl. Petrus und sagte: Ich glaube an die Kirche, trotz allem.

Und er schlug mit seinem Kopf gegen die Füße der Statue und feixte: „Hier liegt ein Spanier begraben, der zehn Jahre in Rom gelebt und den Glauben nicht verloren hat“. Kurz bevor er starb, sagte Tardini Herrn Escrivá, dass Pius XII. daran gedacht habe, ihn und Montini zu Kardinälen zu ernennen und dass er diese Ehre zurückgewiesen habe, damit er Montini vielleicht auch nicht ernenne, denn er sei eine Gefahr für die Kirche, und Herr  Escrivá dachte dasselbe.

Beim Vater Escrivá war vieles widersprüchlich. Er selektierte die Menschen immer; er sagte, man müsse die Menschen wie die Fische beim Kopf packen. Es suchte die Gescheitesten aus und verwarf die übrigen. Als er sah, dass es nicht leicht war die Universität zu beherrschen, konzentrierte er sich auf die Staatsgewalt.

Von der wundersamen Flucht nach Andorra kann ich sagen, dass sie sehr hart war, aber nicht wundersam.

Als sich der Vater mit seinen Leuten in die Botschaft von Honduras in Madrid geflüchtet hatte, waren wir alle dort der Meinung, dass man in die andere Zone flüchten müsse. Und da es keine andere Möglichkeit gab, die dazu beitragen konnte, in die nationale Zone zu gelangen, entschieden sie sich die Pyrenäen zu überqueren, mit der Hilfe einiger Führer, denen man ziemlich viel zahlen müsse.

Ich versteckte mich drei Monate nach meinem Eintritt in das Opus in der Dachkammer meines Hauses in Daimiel. Zuerst erhielt ich Nachricht von Paco Botella; dann kam mich Juan Jiménez Vargas besuchen. Dieser heroische Akt bewegte mich, denn er hatte sein Leben riskiert, um mich zu sehen. Dann, später, verstand ich, dass sie ihn nach Madrid geschickt hatten, um das nötige Geld aufzutreiben, das sie brauchten, um die Führer bezahlen zu können, und er musste es Isidoro Zorzano sagen, der es vielleicht beisteuern konnte. Deshalb ging Juan nach Daimiel. Seine Kühnheit beeindruckte mich. Mein Vater kratzte zusammen, was er konnte, ich denke, es waren 37.000 Pesetas, die wir nach Barcelona brachten. Von dort konnten wir, nach mehr als einem Monat ohne Nachricht und in einer schrecklichen Gefahr nach Frankreich flüchten.

Die Gruppe bestand aus Escrivá, Paco Botella, Pedro Casciaro, José María Albareda, Tomás Alvira, Juan Jiménez Vargas, Manuel Sainz de los Terreros und mir. Insgesamt waren wir acht. Aber da dieser und ich später das Werk verließen, unterdrückten die Biografen unsere Namen, und von da an sagte man, dass es sechs gewesen seien.

Escrivá war kein Anhänger Francos, doch er sah es gerne, dass Franco regierte, und sagte einige Liebenswürdigkeiten über ihn, und als er gebeten wurde, ihm und seiner Frau Carmen  Exerzitien zu halten, tat er dies. Und er machte es gut. Damals wusste er, wie er die Leute nehmen musste. Wenn er an seinem Tischchen in der Kapelle saß, machte er seine Sache gut. Das hatte gar nicht mehr damit zu tun, wie er sich in den Filmen theatralisch gebärdete, die später von ihm angefertigt wurden und für die man sich schämen muss. Ich verstehe nicht, wie er sich so verändern und so ein aufgeblasener Kerl werden konnte.

Er war von sich absolut eingenommen, und deshalb machte er aus dem Werk eine Sekte. Als ich Paco Botella das letzte Mal sah, sagte ich zu ihm:

- Schau, Paco, ihr seid eine Mafia.

- Aber Miguel, was sagst du da!, entgegnete er.

Ich glaube, es tat ihm weh einzusehen, dass es sich tatsächlich so verhielt.

Wir umarmten einander und er verabschiedete sich. Im Monat darauf starb er. Ich wunderte mich, dass er in der Todesanzeige in der Zeitung als Universitätsprofessor und nicht als Priester aufschien.

Als ich im Jahr 1955 das Werk verließ, fiel mir ein Zentnergewicht vom Herzen. Endlich frei! Aber da der Vater nicht wollte, dass ich ginge, schrieb er einen Brief an meinen Beichtvater, Paco Botella, damit er ihn mir vorläse, und darin sagte er: „Es tut mir leid, dass Miguel weggehen will, denn er wird viel leiden und ein unglücklicher Mensch sein“.

Der Weg stand fest: Miguel sollte viel leiden und unglücklich sein. Und dennoch sollte es ganz anders kommen, denn eineinhalb Jahre nach meinem Weggang heiratete ich und hatte eine Frau und wunderbare Kinder (ich hatte meine Frau drei Monate nach meinem Austritt kennengelernt), alles lief bestens, und meine berufliche Arbeit entwickelte sich sehr erfolgreich.

Aber Escrivá wollte nie hören, dass es mir gut ging, und obwohl er mir sehr liebenswürdige Briefe schrieb, wollte er nichts davon wissen, dass ich verheiratet war und Kinder hatte. Denn seinen Voraussagen nach konnte ich nichts anderes sein als tief unglücklich. Und die Jünger Escrivás sorgten als gute Jünger dafür, dass sich die Prophezeiung erfüllte, das taten sie. Aber trotzdem erreichten sie ihr Ziel nicht. Sie konnten nicht einmal erreichen, dass über meinen Namen nicht mehr gesprochen wurde.

Jeder Mensch erfährt in seinem Leben Unglück und Schmerz.

Sie meldeten sich, als meine Tochter mit sechseinhalb Jahren starb. Dieses Unglück nutzten sie, denn am Tag des Begräbnisses tauchten zwei Priester des Opus Dei in meinem Haus auf, die, statt für die Verstorbene zu beten oder mir ein Wort des Trostes zu sagen, machten sie ein Theater, und mit gedämpfter Stimme gaben sie mir zu verstehen, dass dieser Todesfall eine Strafe Gottes gewesen sein. Aus Rom, wo Herr Escrivá und Alvaro Portillo damals waren, kam nichts, kein Brief, kein Lebenszeichen.

Msgr. Echevarría sagte, dass man mich zum Seligsprechungsprozess nicht zulassen könne, denn ich hätte Verfolgung gesehen, wo es nur liebendes Mitgefühl gegeben habe.

Als ich im Lauf meines langen Berufslebens mit Handlungsweisen zusammenstieß, die ich nicht verstand, war immer jemand vom Opus Dei damit verknüpft.

Erst versuchten sie, mich wieder einzufangen, und als ich mich verweigerte, begannen sie mich zu verfolgen. Sie haben mir so übel mitgespielt, dass es so aussehen könnte, als erzählte ich das alles aus Rache, aber ich habe und hatte keinerlei Ressentiments.

Angesichts dieser höchst peinlichen Situation dachte ich, dass es für einen Katholiken der richtige Weg sei, die Kirche zu informieren. Ich suchte eine kirchliche Autorität in Rom, die ich kannte und um Rat bitten konnte. 1977 nahm ich Kontakt zu Bischof Maximino Romero de Lema auf, und er empfing mich.

Ich erzählte ihm, in welcher Situation ich mich befand, ich händigte ihm eine Liste der Namen sowie der Verleumdungen aus, die die Herren vom Opus Dei gegen mich lancierten. Er studierte sie aufmerksam und sagte mir, dass das sofort in Ordnung gebracht werden müsse und dass die beste Art und Weise, dies zu tun, sei, wenn ich Alvaro Portillo anrief und ihn bäte, mich zu treffen und ihm zu sagen, was mir der Herr Bischof geraten habe, den er im Übrigen sehr gut kannte, denn beide arbeiteten in Kommissionen der römischen Kurie. Schließlich rief ich Alvaro an, sagte es ihm, und er erwiderte:

-          Ach Gott, Miguel, damit du mit mir reden kannst, brauchst du doch niemanden, der dich empfiehlt. Komm jetzt gleich!

- Am selben Nachmittag noch war ich bei ihm und erklärte ihm, dass mich das Opus Dei verfolgt, und ich nannte ihm einige Beweise und konkrete Namen. Da er über diese Angelegenheit mit D. Florencio Sánchez Bella sprechen musste, dem damaligen Consiliarius in Spanien, den er sofort nach Rom kommen ließ, und deshalb bat er mich am folgenden Morgen wiederzukommen, und so tat ich es. Am nächsten Tag sprachen wir weiter, und zum Abschied sagte er mir:

-Miguel, geh in Frieden, ich werde Anweisung geben, dass dich niemand verfolgt.

Und sie würden sagen, ich hätte Verfolgungswahn!

Alle diese Fragen um Verfolgung oder um Verhaltensweisen, die man mit einem gewissen Euphemismus als „sehr wenig christlich“ umschreiben könnte, sind nicht vielleicht nur mir geschehen, sondern sie entsprechen einer allgemeinen Verhaltensweise der Prälatur Opus Dei.

In diesem Augenblick erscheint es mir nicht mehr sehr wichtig, ob sie Vater Escrivá heilig­sprechen oder nicht. Ich bin bereit, das höchst traurige Argument zu akzeptieren, das Benito Bardinas in der Sendung „La Clave“ gebrauchte, als er  sagte, dass und der Heiligen­kalender jeden Tag vierzehn oder mehr unbekannte Heilige bietet und dass es kein Grund für eine solche Aufregung sein könne, ob man jetzt einen mehr dazurechnen solle. Was meiner Auffassung allerdings doch sehr gefährlich macht, ist die Tatsache, dass anscheinend mit dieser Seligsprechung auch die beiden großen menschlichen Laster Unnachgiebigkeit und Zwang  kanonisiert werden, die der Vater Escrivá zur Kategorie der Heiligen Unnachgiebigkeit und des Heiligen Drängens erhoben hatte.

Miguel Fisac