Jesús Infante: Der heilige Gründer des Opus Dei

EINLEITUNG

WIR HABEN NUN TATSÄCHLICH Zeiten, in denen sich die Schwierigkeiten vermehrt haben, eine historische Studie über den Gründer dieses Konglomerats von Katholiken, die sich selbst Opus Dei nennen, die so geeint sind, dass sie wie eine kompakte Masse erscheinen. Nachdem es niemandem als dem Papst Rechenschaft über seine Aktivitäten schuldete, beunruhigte das Opus Dei durch seinen Reichtum und seine Unabhängigkeit sowohl die übrigen Orden und Kongregationen als auch den Vatikan selbst.

Es existiert bereits eine beachtliche Zahl von Hagiografien, die über den Gründer des Opus Dei geschrieben wurden, Kompilationen eines einzelnen Autors ebenso wie kollektive Werke innerhalb dieses Zweigs der katholischen Kirchengeschichtsschreibung, die Hagiografie oder Lebensgeschichte der Heiligen heißt. Es hat sich als eine besonders schwierige Aufgabe erweisen, eine umfassende Biografie des Gründers zu schreiben, die zugleich vom historischen Standpunkt aus korrekt, aber auch für das große Publikum lesbar ist, weil es keine vertrauenswürdigen Daten gibt, auf die der Historiker zugreifen könnte. Darüber, was dieses Buch leisten soll, genügt es anzudeuten, dass es nicht nur eine weitere Biografie, sondern eine vollständige Biografie darstellt, deren Autor sich auf die Prinzipien der Geschichtswissenschaft du nicht der Hagiografie stüzt, sodass die Leser durch den Vergleich der dargebotenen Meinungen zu einem objektiven und auf Dokumente gestützten Urteil, über Josemaría Escrivá, den Gründer des Opus Dei, gelangen können, dem beständig daran lag, seinen Vor- und Familiennamen zu ändern.

Seit seiner Geburt 1902, dem Jahr, in dem Alfonso XIII. zum König gekrönt wurde, bis zu seinem Tod 1975, das auch das Todesjahr des Diktators Franco war, wurden alle Lebensdaten des Gründers als bedeutsam für das Opus Dei erklärt, und er war der höchste Ehrgeiz seiner Mitglieder und Sympathisanten, ihn möglichst rasch zur Ehre der Altäre erhoben zu sehen, denn  das Opus Dei propagiert die Vorstellung, dass die Militanz in seinen Reihen und die religiöse Ultraorthodoxie schon ausreichend seien, um die Heiligkeit zu garantieren. Da sein hundertster Geburtstag in das Jahr 2002 fiel, wollte das Opus Dei vor allem, dass der Gründer rasch heiliggesprochen würde, denn es ging nicht um einen einfachen Prozess zur Heiligsprechung, sondern umTurboheiligkeit.

Die historische Anlyse erstreckt sich in diesem Buch über das zwanzigste Jahrhundert, von einer obskuren Anfangsperiode über den Bürgerkrieg und vierzig Jahre Diktatur, und als der Gründer mit 73 Jahren in Rom starb, gab es noch keine demokratisch legitimierte Regierung in Spanien. Es ist aber auch die Geschichte einer Generation, die die Diktatur Francos intensiv miterlebte und die im Schmutz der Gegenwart ihren Ehrgeiz auf die Zukunft richtete. Das ging so weit, dass sich der Gründer in den sechziger Jahren in einem Brief aus Rom und persönlich an den Staatschef General Franco wandte, wie aus den Archiven des Palasts El Pardo Fasc. 178 hervorgeht, wo er sich als Patrioten bezeichnete und die Aktivitäten des Opus Dei sehr stolz dem Diktator vorstellte, dass man, „auch wenn es sich um eine katholische Institution handelt, hinter dem Opus Dei immer Spanien sieht“.

Nachdem er seine Rolle als Gründer gefunden hatte, übernahm Escrivá es auch sie im Spanien der Diktatur zu spielen, wo er sich für den einzigen Protagonisten hielt. Von unbeständiger Laune, übertrieben empfindlich, undundsam gegenüber winzigen Defekten, schuf er auch häufig genug lächerliche Situationen, in denen er sich dem Gelächter und der Missachtng seiner Zeitgenossen aussetzte, da viele Aktionen des Gründers des Opus Dei, wegen seiner Eigenart und Extravaganz zum Lachen reizten. Dennoch verwandelten sich die Kommentare und die Gestik des Gründers in himmlische Visionen, seine geheimen Sehnsüchte in erfundene göttliche Eingebungen, und sie machten seine Tausenden Anhänger zu Zeugen eines Spektakels. das bis zu seinem Tod und nach seinem Tod rund um seine Person kreiste.

Im Lauf seines Lebens wiederholte der Gründer des Opus Dei bei verschiedenen Gelegenheiten, dass er eine außerordentliche Offenbarung über den Zeitpunkt seines Todes erhalten hatte, nämlich das Jahr 1982. Aber er sollte schon früher sterben, an einem Infarkt, lange vor dem von ihm angekündigten Todesdatum. Da er sich alt und krank fühlte, wiederholte er immer wieder: „Irgendwann gehe ich“. Es war der 26. Juni 1975, im selben Jahr und nur fünf Monate vor dem Tod Francos, als das erschöpfte Herz des Gründers des Opus Dei zu schlagen aufhörte, und trotz des Ehrgeizes seiner Nachfolger war der Tod des Gründers zufällig und für immer zeitlich an das Ende der Ära Francos geknüpft.

Sofort als die Nachricht von seinem Ableben bekannt wurde, hat man, da dies nicht zu dem vorsausgesagten Todesdatum des Gründers passte, eine Version für den Innengebrauch im Opus Dei angefertigt, um diesen Zeitvorsprung zu rechtfertigen, denn „der Vater“ und Gründer konnte sich nicht irren. Die Version bestand darin, dass man darauf hinwies, dass sich die Katholische Kirche 1975 in einer Situation befand, die man als „sehr schlimm“ qualifizierte, und der Gründer hatte sein Leben für die Kirche angeboten, und deshalb gab es ein anders Datum, denn Gott sein letztes Opfer angenommen, schon vor dem Datum, das er angeblich vom Himmel erhalten hatte.

Die Daten dieser Bografie waren zuvor bereits in zwei Büchern publiziert worden, in denen der Autor allgemein das Opus Dei analysierte, ein Tabuthema noch zu Beginn des einund­zwanzigsten Jahrhunderts. Das erste Buch erschien in Paris, weil man es nicht in Madrid veröffentlichen konnte, und das zweite Buch in Barcelona, die erste Auflage ist vergriffen und wird nunmehr neu aufgelegt. In beiden Fällen hatte man den Eindruck, dass das Opus Dei das geheime Werk Gottes sei und dass man es weder kritisieren noch erwähnen könne.

Die Veröffentlichung dieser Biografie erklärt sich dadurch, dass das Jahr 2002 den hundersten Geburtstag bringt, nachdem er offiziell von der Katholischen Kirche zum Heiligen erklärt worden ist. Dieses Buch ist der öffentlichen Meinung gewidmet, und nicht nur der katholischen.

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