Richard Estarriol, * 27. Februar 1937 in Gerona, Katalonien; † 15. Mai 2021 in Wien

 

Eine Ausnahmeerscheinung ist nicht mehr; der Großneffe des spanischen Erbauers des U-Boots, Pionier des Opus Dei in Österreich und Vorbild für ganze Generationen junger Numerarier, die ihm auf seinem Weg nicht gefolgt sind, ist vorgestern nach langer schwerer Krankheit gestorben. Mit großer Bewunderung habe auch ich seine Geschichte und seine Geschichten gehört: von den endlosen Wegen hinter dem Eisernen Vorhang, ein heroischer Einzelkämpfer, der alle katholischen Bischöfe im Reich des Bösen besucht hat, verborgene Wege gesucht, gefunden und gebahnt hat, um die feinen Haarrisse im Ost-Block aufzufinden und auszunützen, um herauszufinden, welche braven Katholiken wann an der polnischen Grenze Dienst hatten, sodass man ein Schlupfloch nutzen konnte, auf welchen diplomatischen Kanälen man auch die scharf bewachte CSSR ein wenig durchlässiger für das Reich der Gnade machen konnte, mit Gottvertrauen, Tausenden Dollars in der Tasche und der heroischen Entschlossenheit, die vom KGB auf ihn angesetzten Nutten abblitzen zu lassen.

 

Unglaublich die Geschichte, wie es Estarriol geschafft hatte, exklusiv vom Ende der Konflikte um den Fluss Ussuri zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China zu berichten, wie er seinen Bewacher durch vorgetäuschte Trunkenheit und eine falsche Weckzeit täuschen konnte und bis in den Saal vordringen konnte, in dem die Waffenstillstandsverhandlungen stattfinden sollten – dort wurde er dann allerdings rasch hinauskomplimentiert. Und wie haben wir rosenkranzbetenden Muttersöhnchen in den Jugendclubs und Studentenheimen mit roten Ohren gelauscht, als er uns von seinem Besuch beim ganz zurückgezogen lebenden Kardinal Tien Ken-sin von Peking erzählt hat, den mangels anderer Verständigungsmöglich­keiten in lateinischer Sprache interviewen musste und den er, seine unvermeidlichen schwarzen Zigaretten in der Hand einlud: „Faciamus fumum?“ Und dann, ganz braver Laie des größten Säkularinstituts der Kirche, bat er den Bischof, für ihn die Messe zu feiern:

„Quando est missa?“
„Quandocumque quis venit.“

 

Es liegt aber im Wesen der Ausnahme, dass sie sich nicht verallgemeinern lässt. Estarriol, der, um es mit den schwülstigen Worten des ahnungslosen Peter Berglar zu sagen, das Kreuz in diesem Land vom Boden aufgehoben hat, war zugleich ein typisch spanischer Macho, der bei seinen Abenteuerfahrten auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen musste, der – in den sechziger Jahren ging das noch ohne Weiteres – mit Ohrfeigen drohte und die „gewöhnli­chen“ Mitglieder hemmungslos und in aller Schärfe bloßstellte, wenn sie seiner Meinung nach versagt hatten. Als ich den Auftrag hatte, im Studentenhaus Birkbrunn den Zettelkasten mit den „Erfahrungen“ durchzugehen und auszumisten, fielen mir eine Reihe Notizen in die Hände, in denen er, mit vollem Namen Brüder – die es dann bald nicht mehr waren – wegen nicht wunschgemäß erledigter Anweisungen schroff und bitter schurigelte. Mit dem Mann war nicht gut Kirschen essen.

 

Von seinen Feinden hatte er gelernt, ohne mit der Wimper zu zucken der Parteilinie zu folgen. Was aus Rom kam, stimmte und wurde verteidigt – auch als die Aristokratie des Geistes ins Ghetto übersiedelte und in Kindergärten machte. Und für heute wollen wir auch beiseite lassen, mit wem er im Lauf der Zeit mehr oder weniger eng zusammengearbeitet hatte.

 

Wie sagte Bertolt Brecht?

 

Wer für den Kommunismus kämpft,
hat von allen Tugenden nur eine:
Dass er für den Kommunismus kämpft.

 

Das gilt ohne Abstriche auch für die Heiligen und für die Schurken, für die Helden und für die Klingelbeutler aus dem Reich des heiligen Josefmaria.

Requiescat in pace.

 

Dietmar Scharmitzer