Alchile: Der Untergang … so vieler

 

22. März 2013


Der Titel meines Artikels spielt auf den Film Der Untergang an, der in Mexiko und anderen Staaten Lateinamerikas unter dem Titel „La Caída”, in Spanien als „El Hundimiento” gelaufen ist. Der Film behandelt die letzten Tage im Leben Hitlers, Die Hauptperson, aus deren Sicht die Ereignisse geschildert werden, ist dessen Sekretärin von Februar 1943 bis zu seinem Tod, Traudl Junge.

Am Ende des Films findet sich ein Interview mit der mittlerweile über achtzigjährigen Traudl, die sich darüber äußerst. mit welchen Argumenten sie lange Zeit ihr Gewissen beruhigt hatte, wie sie neben Hitler arbeiten hatte können – sie habe lange nichts über das große Unglück gewusst, dass er über die Menschen gebracht hatte, bis sie eines Tages in ihrer Heimatstadt München eine Gedenktafel las, die daran erinnerte, dass an diesem Ort Sophie Scholl für ihren Widerstand gegen das Regime in der „Weißen Rose“ enthauptet worden war.

 

An dieser Stelle wurde sie sich dessen bewusst, dass Sophie in demselben Februar 1943 ihr Leben hingegeben hatte, als Traudl ihren Job bei Hitler angetreten hatte. Das Datum löste in der ehemaligen Nazi-Sekretärin eine innere Erschütterung aus, wie es möglich gewesen sein konnte, dass sie sich der schlimmen Haltung und der teuflischen Schlächterei, die Hitler befohlen hatte, nicht bewusst gewesen sei, während sie für ihn arbeitete.

In vollkommener Analogie dazu und passend zu dem, was Heraldo in seinem Beitrag vom 20. März geschrieben hat, bin ich mir vollkommen, ich sage vollkommen sicher, dass ALLE Numerarier und Assoziierte des opus sich der Tatsache vollkommen bewusst sind, was sie da machen und was um sie herum abläuft, aber die Angst, die erzwungene kindische Attitüde, Mangel an Nächstenliebe oder ganz einfach Bequemlichkeit bewirken, dass man sich nicht rührt, um die kleinen Annehmlichkeiten nicht aufs Spiel zu setzen: Pflege der Wäsche und der Räumlichkeiten, Zubereitung der Mahlzeiten, ganz einfach das Leben in herrschaftlichen Häusern, kleinen Palästen für kleinbürgerliche Menschen. Und um dieser dummen kleinen Vorteile willen werden Gewissen und Wahrheit verbogen.

Unendlich oft habe ich in diesen Jahren Mitglieder des opus in Gesprächen unter vier Augen sagen hören, dass sie den Menschen und sich selbst Schlimmes zufügen. Es gibt Supernumerarier, die mir ins Gesicht gesagt haben, dass sie das Werk für eine sündhafte Struktur halten, aber da es das Lebensumfeld  von ihnen selbst und ihrer Familien ist, protestieren sie nicht und beschweren sich nicht. Lebten sie nämlich getreu der Lehre Christi, müssten sie auf die Privilegien und das Geld verzichten, die ihnen die Kooperation mit dem opus verschaffen.

Ich bekomme sogar Mails von Direktoren von Zentren und Delegationen, die sich bei mir für meine Beiträge bedanken, denn sie verstehen diese als Sprachrohr für das, was sie selber denken, was sie aber nicht auszusprechen wagen, weil sie angesichts der grassierenden Arbeitslosigkeit außerhalb des Werks keinen Job mehr finden würden und weil sie, durch die Isolation, in die sie die Sekte getrieben hat, aus der Gesellschaft, dem Erwerbsleben, aber auch weitgehend aus einem möglichen Familienleben ausgeschlossen sind und dass sie hier noch am relativ besten aufgehoben sind. Menschen haben mir erzählt, dass sie vom Prälaten buchstäblich beleidigt und misshandelt wurden, dass sie sich aber entschieden haben zu schweigen, um nicht auf der Straße zu landen. Ein Leiter der Kommission wollte einen masterplan für das Opus in Mexiko erstellen lassen und wollte als ersten Ansatz die Stärken und Schwächen der Vereinigung, die Risiken und Chancen auflisten; er hat es dann bleiben lassen, weil die Prälatur aus institutionellem Stolz nicht bereit war sich von externen Experten  beraten zu lassen. Er wollte es jedenfalls nicht riskieren, aus dem inneren Kreis der Macht entfernt zu werden; schließlich möchte er seine Wohnung in der neuen Regionalkommission nicht verlieren, mit Etagenheizung und ökologischen Vitroblocks, die den Speisessaal in eine Art Gartenterrasse verwandeln; die Schmutzwäsche bleibt jedenfalls im Haus, und es wird sich gar nichts ändern.

Das völlige Chaos, in dem sich das Werk in Mexiko befindet, zeigt sich in buchstäblich allem, was es hat und was es durchführt. Hier nur drei Beispiele:

1) in den beiden letzten Jahren mussten sie sich von drei Numerariern verabschieden, die im Colegio Cedros und seinem Ableger nördlich von Atizapán arbeiteten, um einen Skandal mit den Schülern zu vermeiden. jetzt gibt es in diesen beiden Schulen keine Numerarier mehr, die Kinder einfangen könnten. Deo gratias!

2) Bei IPADE übernahm  vor zwei Jahren ein angesehener Business-Professor der Universität Stanford, Kalifornien, USA einen Lehrstuhl. Vierzehn Tage später kündigte er angesichts des schauerlichen Chaos, der unsichtbaren Seilschaften und der Mauscheleien, die es hier gibt. Derzeit bestehen die Lehrer und Direktoren dieses Instituts aus Freunden oder Angehörigen der Supernumerarien. Fähigkeit und Erfahrung haben keinen Stellenwert.

3) Bei zumindest zwei Gelegenheiten habe ich einen älteren Numerarier, einen Direktor von IPADE Monterrey, über das Durcheinander klagen hören, dass das opus oft unvermittelt jemanden von einer Stadt in die andere versetzt; das war ihm vorher passiert, als sie ihn nach Monterrey schickten und dann wieder zurück nach IPADE in Mexiko City. Dort bemühte er sich um die Entlassung des unerträglich gewordenen Rektors der Universidad Panamericana. Im vergangenen Dezember setzte er diesen Schritt im Leitungsgremium der Universität durch, und dieser Numerarier verließ sofort die Uni. Wer ersetzte ihn? Ein Freund des Chefs ohne akademische Erfahrung und Titel, der für seine Aufgabe heillos überfordert war; die Kommentare seiner Studenten über ihn sprechen Bände.

Das Werk mit seinen Menschen, Besitztümern und Institutionen schiebt viele Menschen plan- und gedankenlos hin und her und hinterlässt tiefe Narben  bei ihnen. Das Gefühl der Mitglieder, die zu Bewusstsein gelangen, ähnelt dem der Insassen des World Trade Center n New York am 11. September 2001. Da es drinnen brannte, sahen sie draußen mehr Überlebenschancen, auch wenn sie ins Bodenlose sprangen.  Ähnlich verhält es sich mit dem Ausstieg aus dem opus; allerdings beginnen sehr viele ein neues und glückliches Leben, einige bereits mit 60. Schlimmer als der Austritt ist es allerdings, wenn man vom Werk bleibt. Auch für sie ist es ein Absturz; das, was wir hier offen aussprechen, wissen sie genau, und dann sehen und hören sie jeden Tag im Zentrum, im Kreis, bei einem Vortrag etwas anderes. Und wie Traudl haben sie dann keinen Vorwand mehr zu glauben, was ihnen vorgestellt wird. Sie leben über dem Abgrund. Und am meisten leiden die Direktoren; sie wissen, dass sie anderen Schaden zufügen, und klammern sich dennoch an ihre ephemeren Posten – und sehen zu, wie andere abstürzen.

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