José María Escrivá Albás: Einige historische Probleme

Jaume García Moles

 

14/10/2013

30. und letzter Beitrag:

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Wenn es ein allgemeines Charakteristikum  für das Leben Escrivás während seiner Jahre in Madrid gibt, dann ist es die Verzettelung. Offenbar hat ihn eine innere Unruhe dazu getrieben, sich in eine Fülle von Aktivitäten zu stürzen. Er hatte Zweifel an seiner Berufung; um einen möglichen Ausstieg aus seiner ursprünglichen Lebensplanung, Priester zu werden, abzufedern, begann er Jura zu studieren. Dazu halste er sich selbst völlig überflüssigerweise die eingebildete Verpflichtung auf, für seine Familie sorgen zu müssen. Alles das geschah mit einer gewissen Hektik, die daher rührte, dass er sich einbildete, etwas Großes in seinem Leben vollbringen zu sollen, seine Träume  von der Ehre Gottes zu verwirklichen1. Und aus dieser Aufspaltung dieses dreifachen Ziels – Priestertum, Familie und der Wunsch, etwas Großes zu vollbringen rührte seine Unbeständigkeit in allem. Dass er so unterschiedliche Dinge miteinander vereinbar machen wollte, war der Grund für so viele, schwerwiegende Fehlurteile, die ihn  sein ganzes Leben begleiteten. Teilweise traten diese Ansprüche nach dem 2. Oktober 1928 zurück. Denn nach und nach verschafften ihm die Seinen (das sind diejenigen, die seinem Werk beigetreten waren) persönliche Anerkennung, aber auch Wohlstand für seine Familie, sodass sich seine Ziele für ihn zusammenschlossen. Aber schlimmerweise begünstigte diese Konstellation auch die Entfaltung seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung2, die in einer Selbstglorifizierung sondergleichen endete, die die teilen mussten, die ihn umgaben.

Ich habe hier noch eine Catalina, datiert vom 14. September 1940. Sie zeigt, dass sich Escrivá entweder in einen zwangshaften Lügner verwandelt hatte, oder er schrieb seine Vergangenheit um, wie es bei Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung häufig ist. In seiner Catalina behauptet er jedenfalls:

1623. Ich mische mich, und zwar auch nicht im Entferntesten, in Dinge ein, die mit meinem Priestertum nichts zu tun haben: Ich bin Priester und nur Priester. Und sie bringen mich mit politischen und beruflichen Ereignissen in Zusammenhang. Gott helfe mir!

Das musste der Moment sein, als Escrivá die Statuten seines Werks als Pia Unio zusammenstellte, die er dem Bischof von Madrid-Alcalá fünf Monate später zuschickte, am 14. Februar 1941.  Ich möchte einige Artikel daraus zitieren, davon in Fettdruck, was mir besonders bemerkenswert erschien. Im Kapitel Leitung lesen wir:  

2. Die Mitglieder üben ihr Apostolat gewöhnlich in den offiziellen Ämtern der öffentlichen Verwaltung aus, Aufträge, die sie immer mit beispielhafter Loyalität ausüben müssen.

Im Kapitel Geist wird das wie folgt bekräftigt:

28. Der Geist des Werks besteht darin, dass seine männlichen Mitglieder öffentliche Ämter, in der Regel Leitungsämter bekleiden.

31. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Hilfsgesellschaften, von der unter Leitung (Art. 53) die Rede ist, generell kulturellen, oder noch besser, den von Gesellschaften wirtschaftlichen und kommerziellen Charakter haben.

55. Der Gehorsam, den wir leben müssen, ist keine gewöhnliche Tugend: unsere aktuelle Verfügbarkeit muss gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz sein (Phil. 2,8).

Um den Artikel  31. zu verstehen, muss man dazusagen, dass diese Vereinigungen oder Gesellschaften von wirtschaftlichem, kommerziellem oder pädagogischem Charakter von Mitgliedern des Werkes gegründet und geleitet werden müssen, und dass es der Consiliarius der Region ist – das ist der Leiter des Opus Dei in einem  Land – der, lt. Art 11, §11 des Kapitels Ordnung die Erlaubnis zur Aufnahme von Hypotheken, zu Veräußerungen etc., die den Betrag von 1000 Pesetas übersteigen, während Beträge über 100.00 Ptas. der ausschließlichen Zustimmung des Vaters, d. i. Escrivás, nach Anhörung des Senats bedürfen (vgl. Ordo, Art. 13, §8). Es heißt sogar im Abschnitt 33, §2 des Kapitels Leitung, dass die Direktoren dieser Gesellschaften unmittelbar dem Consiliarius unterstehen. Und im folgenden Abschnitt dieses Kapitels sehen wir, wir der interne Gehorsam dadurch verschleiert wird, dass Wahlen in diese Gremien abgehalten werden: Alle Mitglieder des Opus Dei, die in den Hilfsgesellschaften mitarbeiten, sind verpflichtet, in die Leitungsorgane dieser Gesellschaften diejenigen Personen zu wählen, die der Consiliarius [d. i. der Leiter des Werks in einem Land] abgibt, der hierbei in Übereinstimmung mit dem Defensor und nach Anhörung der Regional-Kommission vorgehen wird.

Und um den Art. 55 des Kapitels Geist zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass es sich um den Gehorsam gegenüber den Autoritäten der Pia Unio Opus Dei handelt, an deren Spitze Escrivá selbst steht. Und dabei hat er rundweg behauptet, er sei Priester und nur Priester, während er tatsächlich der Chef eines kommerziellen Trusts werden wollte und wurde, das auch Banken und ein Netzwerk von Schulen umfasst. Und die Mitglieder, die durch einen Gehorsam bis zum Tod an ihn gebunden sind, sollen Spitzenposten in der öffentlichen Verwaltung anstreben, Generaldirektoren werden, Ministerposten anstreben, und sogar bevorzugt Lehrstühle. Je weiter oben, desto besser.

Wenn  man nun abschließend vermutlich illegale Handlungen im Leben Escrivá bis 1939 anführen will, könnte man sagen:

1) Exkardination aus der Diözese Calahorra entgegen der Entscheidung seines Ordinarius, und in der Folge Verletzung seines Eides, in der Diözese zu bleiben.

2) Inkardination in die Diözese Saragossa mit einem Dokument – dem Exeat aus Barbastro – das vermutlich ungültig war. Deshalb war vermutlich auch die Weiheerleaubnis durch den Bischof von Saragossa nicht rechtsgültig, und er hat bei seiner Priesterweihe ein Sakrileg begangen.

3) Er hatte sich, bereits als Geistlicher, vom Oktober 1923 bis zum April 1927, ohne Erlaubnis seines Ordinarius weltlichen Studien gewidmet.

4) Er verleumdete den Erzdechanten Carlos Albás, den Vikar und den Erzbischof Doménech, denen er gegenüber dritten vorwarf,  ihm ungerechterweise vom 18. Mai 1925 bis mindestens zum 18. April 1927 keine Beschäftigung in der Erzdiözese gegeben zu haben.

5) Möglicherweise bedeutet sein Versuch, eine Exkardination aus Saragossa und eine Inkardinierung in Madrid zu erlangen, einen Bruch seines Eides, in Saragossa zu bleiben.

6) Er arbeitete in den Jahren 1925 bis 1935 ohne die Erlaubnis seines Ordinarius in verschiedenen zivilen Berufen, am Instituto Amado in Saragossa, an der Academia Cicuéndez in Madrid, Privatstunden, die Academia DYA. Er wollte auch noch andere weltliche Arbeiten ohne die Erlaubnis seines Ordinarius annehmen.

7) Er unterlief mit Ausflüchten die Maßnahmen des Bischofs von Madrid gegen den unbeschränkten Aufenthalt fremder Priester in seiner Diözese.

8) Lobbyismus, um akademische Grade und Vergünstigung bei Prüfungen zu vermitteln – diesen Zweck hatten der unlautere Kurzschluss zwischen der Akademie Cicuéndez, Escrivá und Professor Pou de Foxá in Saragossa.

9) Verschiedene Betrügereien im Hinblick auf seinen Lebenslauf: falsch datierte Briefe, angebliche oder verschwiegene geistliche Leiter, falsche Informationen an den Vikar von Madrid, Diebstahl seiner Dissertation aus der Universitätsbibliothek von Madrid etc.

Obwohl sich Escrivá in seinen Schriften sehr häufig auf Gott bezieht, verlaufen die Motivationen und Handlungen seines Lebens sehr wohl auf Wegen, die nichts mit einem heiteen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes zu tun haben. Und dabei geht es nicht um eine einzelne Situation, die man notfalls so oder so interpretieren könnte, sondern um den Mainstream einer ganzen Biographie, die so durch und durch falsch ist, dass selbst die Wahrnehmung der kleinesten Manipulation eines Aspekts oder eines historischen Faktums die Alarmglocken schrillen lassen muss. Sein doppeltes Spiel und sein Mangel an Aufrichtigkeit, der sich beispielsweise darin zeigte, wie er sich heimtückisch zwischen die kirchliche Autorität und „seine Söhne“ im Werk stellte, bildet eine Konstante während seiner gesamten Jugend. All das scheint nicht zu einer echten göttlichen Eingebung zu passen.  

Ich persönlich sehe in Escrivá weniger einen Intriganten, sondern ein Opfer seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wie schlüssig bewiesen wurde; dem können wir, die ihn gekannt haben, nur zustimmen. Mir fällt es nämlich schwer, dass ich mir einen katholischen Priester vorstelle, der bei Trost ist und solche Dinge sagte wie die, die er damals und später von sich gab.

Jaume García Moles,

7. Oktober 2013

1 Siehe Rodríguez, S. 39.

2 Die erste seriöse Studie über die Persönlichkeit Escrivás Marcus Tank: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung des Gründers des Opus Dei.