DER SCHARLATAN

Neue Erkenntnisse über den heiliggesprochenen Josemaría Escrivá de Balaguer

 

Um das Opus Dei zu verstehen, muss man seinen Gründer studieren. (Alvaro Del Portillo)

"Aber er hat ja gar nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind.“ (Hans Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider)

„Im Opus Dei gibt es viele Stufen“ – so launig äußerte sich Kardinal König, als er das Zentrum der älteren Numerarier in Wien am Petersplatz 6 besuchte – tatsächlich musste er hier viele Stiegen steigen, denn klösterliche Separation der Geschlechter ist in der Wiener Bauordnung nicht vorgesehen, und in dem mit Förderungsmitteln sanierten Haus musste zunächst einmal ein Aufzug, der sich in dem von den Frauen benutzten Verwaltungstrakt befand, reichen. Die beiden Bereiche waren nämlich hermetisch voneinander, mit doppelten Türen und doppelten Schlössern, abgetrennt – aber das konnte man nicht gut nach außen hin geltend machen.

Ein Dasein in kindlicher Zufriedenheit, „neu und doch zugleich alt wie das Evangelium“[1], in dem Gebet und Arbeit unter dem Vorzeichen gelassener Hingabe zu einer organischen Einheit des Lebens verschmelzen – das ist die Botschaft, die der Gründer des Opus Dei einer säkularisierten Welt und einer müde gewordenen Christenheit brachte. Das ist das Selbstbild der „Prälatur“, das sie wie einen Hochglanzprospekt vor sich herträgt, mit dem sie Ahnungs­lose und Gutgläubige anzulocken versucht und in das sie ihre Gläubigen in einem niemals endenden Strudel von Vorträgen, Betrachtungen und Lektüren eintaucht. Wer sich jedoch auf das Abenteuer einer „Berufung zum Opus Dei“ einlässt – was immer darunter de facto zu verstehen ist – findet sich in eine Fülle von Widersprüchen verstrickt. Es gibt eine Einheit der Berufung – aber nicht nur Männer und Frauen, Laien und Priester, Ältere und Jüngere werden strikt voneinander ferngehalten, und was man als „Weiße Freimaurerei“ interpretieren könnte, weil es so aussieht, dass man planmäßig in eine Geheimdisziplin eingeführt wird, ist nichts anderes als gewolltes Chaos, teils Verwirrung der Kandidaten durch eine „desorganisierte Organisation“, um sie leichter gängeln zu können, teils, weil das Werk von Natur aus eine unorganische Melange darstellt:[2] Sie sind Laien, die normal arbeiten (und viel Geld verdienen sollen, das sie abliefern können), sie leben aber strenger als die  Kartäuser, beten den Psalm II wie die Templer, offenbaren ihr Gewissen wie einst die Jesuiten, haben das „Trishagium Angelicum“ von den Trinitariern und die Bildungsarbeit von der „Institutio Teresiana“ des heiligen Pedro Poveda übernommen[3]; und wie der selige Bischof Manuel González García[4] bemühte sich Escrivá um die Diözesanpriester, zu deren Betreuung er sogar bereit gewesen wäre, „sein“ Opus Dei zu verlassen, d. h. preiszugeben. Das „Werk Gottes“ ist nichts weniger als eine authentische, von den Autoritäten der Kirche gebilligte Inspiration – wir werden den ständigen Betrug an der Hierarchie noch zur Genüge belegen – es ist vielmehr eine Rumpelkammer geistlicher Eitelkeiten, die sich auf einen einzigen Nenner zurückführen lassen – den Narzissmus Escrivás.

Dass der junge Priester aus Barbastro seine drei jüngeren Schwestern – und einen epileptischen Anfall im Säuglingsalter – überlebte, hatte eine übertriebene Liebe seiner Mutter zur Folge, die dem Sohn die Überzeugung einimpfte, er sei auf der Welt, um „etwas Großes“ zu schaffen.[5] Zur Manie wurde diese ungesunde Mutterbindung, als der Vater auch physisch beiseite getreten war, das heißt, als er nach dem Bankrott seines Kaufhauses in Barbastro auszog, um eine Arbeitsstelle in Logroño anzunehmen. Über seine bescheidene Herkunft konnte der junge Mann später triumphieren: Der Vater starb am 27. November 1924; in der Einladung zu seiner Primiz nennt sich der junge Mann, der bis jetzt in allen Dokumenten Escribá geheißen hatte[6], Escrivá; am 20. Juni 1943, als er nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg seine Leute in den Ministerien untergebracht hatte, ließ er die Heiratsurkunde seiner Eltern nachbessern, dann sein Elternhaus abreißen und die Eltern in einem Opus Dei-Zentrum neu beerdigen; zu guter Letzt ließ er sich von einem „Supernumerarier-Sohn“, Alfredo Lopez, am 24. Januar 1968 einen Adelstitel, den „Marquese von Peralta“[7], beilegen – angeblich aus Pietät seinen Vorfahren gegenüber. Diese waren jedenfalls – so wie alle, die seinen Weg kreuzten und ihm verfielen – in ihrer Eigenart ausgelöscht und dienten nur mehr der höheren Ehre Josemarías.

In einer sorgfältigen Untersuchung legte ein ehemaliges Opus-Mitglied[8] Kriterien von Thedor Millon über Persönlichkeitsstörungen[9] an eine Reihe von belegten Äußerungen oder Eigenschaften Escrivás, so beispielsweise seine fantastischen Vorstellungen grenzenlosen Erfolges, von imaginärer Macht, Glanz, Schönheit oder Liebe. Schon sehr früh handelte Escrivá mit der Sicherheit, dass er für eine Mission von universalem Ausmaß auserwählt worden sei. Seine Pläne waren in diesem Sinn immer grandios. Er fand sich nicht mit dem ab, was Gott durch seine Anregung bewirken könnte, sondern er pflegte Gott das Tempo vorzugeben und voranzugehen. Seine Erfolgsfantasien sind tatsächlich unbegrenzt. Es genügt, sich an einige seiner Maximen zu erinnern: „die Welt umdrehen wie eine Socke“, oder über das Reich Christi: „Und ich sah Christus triumphieren…“, oder über den Einfluss in der Welt: „Du allein kannst es nicht, aber mit zusammen doch!“, als er durch die Innenstadt Londons ging, oder als er dazu aufforderte, in den Nervenzentren der Welt zu arbeiten, die Welt mit bedrucktem Papier zu überschwemmen etc..

Er hat Fantasien von Großartigkeit, und zwar auch in allem, was das übernatürliche Leben und die Liebe zu Gott betrifft. In diesem Zusammenhang lassen sich die übertriebenen körperlichen Bußübungen in den dreißiger Jahren und sein Eifer verstehen, die großen Heiligen der Geschichte nachzuahmen, denn er wollte mit seiner Sendung nicht dahinter zurückbleiben. Allerdings geht er in allen diese Fragen nicht über eine oberflächliche und rein äußerliche Nachahmung dessen hinaus, was diese Heiligen taten, ihr tiefer liegendes spirituelles Verhalten erfasste er nicht. Die sichtbare Entwicklung des geistlichen Lebens des Gründers geht nicht über die Ebene „heroischen“ menschlichen Handelns hinaus, einer unternehmerischen Tätigkeit, die innerhalb der Kirche eine Bewegung von durchorganisierten Personen geschaffen hat, wie „ein Heer in Schlachtbereitschaft“, gleich dem, was die großen politischen Diktatoren in ihren jeweiligen Ländern um die Mitte des vorigen Jahrhunderts oder diverse sektiererische Gruppen geschaffen haben. Tank zitiert in diesem Zusammenhang Millon:[10]

Der kognitive Aspekt der Narzissten ist sehr interessant, denn sie spielen mit der Realität, indem sie sie verändern und die Fakten mit der Absicht neu zusammensetzen mit der Absicht, ihren Glauben zu stärken, um das Bild einer beständigen Aufwärtsentwicklung zu bieten. Die Narzissen schreiben Fabeln über sich selbst und frisieren die Geschichte, um die Geschehnisse aufzubauschen. Sie erinnern sich an die Vergangenheit so, wie sie gern hätten, dass sie gewesen sei. Mit Nachdruck und Akzentsetzung stellen sie klar, was an der Geschichte bedeutsam war, und immer mit Blickrichtung auf die aktuelle Situation. Die Rekonstruktion der Vergangenheit bietet die Grundlage für ihre aktuellen Fantasien. Die Vergangenheit wird instrumentalisiert, damit sie sich selber herausstellen können, im Gegensatz zu den Depressiven, die sie für ihre Selbstkritik verwenden. Die Fantasíe beschränkt sich nicht auf die Zukunft, sondern erstreckt sich auch auf die Vergangenheit und schafft sie neu.

Aber was haben die Erkenntnisse eines kirchenfernen amerikanisch-litauischen Psychologen mit den Träumen eines Priesters und der Vorgangsweise der einzigen Personalprälatur der Welt zu tun? Fragen wir einen unverdächtigeren Zeugen: Wenn Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelii Gaudium“ Eli­tegruppen ortet, die sich „nicht wirklich auf die Suche nach den Fernstehenden, noch nach den unermesslichen, nach Christus dürstenden Menschenmassen“ machen: „Da ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit. In diesem Kontext wird die Ruhmsucht derer gefördert, die sich damit zufrieden geben, eine gewisse Macht zu besitzen, und lieber Ge­neräle von geschlagenen Heeren sein wollen, als einfache Soldaten einer Schwadron, die weiter­kämpft. Wie oft erträumen wir peinlich genaue und gut entworfene apostolische Expansions­projekte, typisch für besiegte Generäle!“ [11]

Wir wollen das Leben Escrivás neu aufrollen – mit Sorgfalt, anhand der Quellen, die uns die offiziellen Biographien liefern, und dank der Recherchen ehemaliger Mitglieder, die es nicht auf sich beruhen lassen wollen, dass sie Jahre ihres Lebens im guten Glauben einer Schimäre geopfert haben. Wir werden feststellen, dass sich die „alte und edler Herkunft“[12] der Escribas auf das Selbstbewusstsein getaufter jüdischer Patrizier bezog (der Name ist die spanische Entsprechung von hebr. so·fér, „Notar“);[13] wir werden erfahren, dass sich der Seminarist auf der Suche nach Protektion und einer raschen Karriere mit manipulierten Versetzungen die Weihe erschlichen hat; dass er seinem Bischof jahrelang ungehorsam war und vor dem Dienst in seiner Diözese, zu der er sich durch Eid verpflichtet hatte, davonlief; dass er es mit seinem Theologiestudium nicht einmal zum Baccalaureus gebracht hat und dass seine juristische Doktorarbeit ein Fake war, wir werden sehen, dass die Gründungslegende nicht stimmt und dass der Name „Opus Dei“ nicht vom Jesuitenpater Sanchez stammen konnte, weil er diesen erst zu einem späteren Zeitpunkt kennengelernt hatte, als der Begriff schon in diversen Schriften aufgetaucht war, dass nach den ersten approbierten Statuten das Opus als Geheimorden mit handfesten finanziellen Ambitionen und der Verpflichtung zur strikten Geheimhaltung sogar seiner Existenz geplant war, dass Escrivá sich nicht sehnlicher gewünscht hatte, als von Franco zum Militärbischof vorgeschlagen zu werden, und dass das Laienapostolat erst sehr, sehr spät, in der Zeit des Konzils, zum Thema wurde.



[1] Christus begegnen, Nr. 1

[2] Das ist auch der Grund dafür, dass der Markt mit Publikationen über das Opus überschwemmt ist, vom Bilderbuch der Maggy Whitehouse (Opus Dei. Der Stoßtrupp Gottes im Vatikan, [Wien] 2007) bis zur Serienproduktion Peter Hertels und den Enthüllungen von Aussteigern – es treten immer wieder andere Aspekte in den Vordergrund, und niemals ergibt sich ein eindeutiges Bild.

[3] Die heiklen Dokumente, aus denen man eine Vorbildfunktion des Paters Poveda herauslesen könnte, haben sich die Herren vom Opus Dei übrigens von den arglosen Teresianisten ausgeborgt, angeblich als Belege für den Seligsprechungsprozess Escrivás – und nicht wieder zurückgegeben.

[4] Jaume García Moles konnte nachweisen, dass die Person dieses Seelsorgers aus den offiziellen Biographien Escrivás bis auf verräterische Reste planmäßig getilgt wurden; vgl. http://www.opuslibros.org/nuevaweb/
modules.php?name=News&file=article&sid=21647
, abgerufen am 12.12.2013

[5] Andrés Vázquez de Prada: Der Gründer des Opus Dei Josemaría Escrivá . Eine Biographie, Köln. Bd. 1: Die frühen Jahre. 2001, S. 32

[6] Das prominente Opus Dei-Mitglied Vázquez de Prada verfälscht hier auf unverschämte Weise die Quellen, indem er sich darüber erregt, dass „häufig genug“ (vgl. Bd. 1, S. 18, Anm. 10) der Name seiner Meinung nach „falsch“, also mit „b“ geschrieben worden war, und kaltschnäuzig gibt er dann – ein Historiker! – im Anhang die „nachgebesserte“ Form wieder. Ebenso verfährt Jaume Aurell (Apuntes sobre el linaje de los Escrivá: desde los orígenes medievales hasta el asentamiento en Balaguer (siglos X-XIX). [Anmerkungen über den Stammbaum der Escrivás von den mittelalterlichen Ursprüngen bis zur Niederlassung in Balaguer]. In: „Cuadernos del Centro de Documentación y Estudios Josemaría Escrivá de Balaguer” Nr. VI, 2002); wenn man nachprüft, sieht man, dass er durchwegs den Namen falsch wiedergibt. Das ist intellektuelle Redlichkeit im Dienst und Sold des Opus Dei!

[7] Ein Neffe des „Heiligen“ kommentierte diese Selbsterhöhung drastisch: „Marqués de Peralta, so eine hochgestochene Scheiße!“ (Vgl. Carlos Albás, „Declaraciones“ in der Tageszeitung “El País“, 11. Juli 1991).

[8] Marcus Tank (ein Deckname): Die narzisstische Persönlichkeitsstörung des Gründers des Opus Dei.  http://www.opusfrei.org/show.php?id=59, abgerufen am 12.12.2013

[9] Theodore Millon, Trastornos de la personalidad en la vida moderna. Barcelona 2006

[10] Millon, S. 369

[11] Evangelii Gaudium, Abschnitt 95 f.

[12] Florentino Perez Embid: Monseñor Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, Fundador del Opus Dei, Primer Instituto Secular. Separatum aus Bd.  IV der Enciclopedia "Forjadores del Mundo Contemporáneo". Ed. Planeta, Barcelona 1963, S. 2; bei Vázquez wird aus der zweideutigen Formulierung bereits der „Stolz eines Edelmannes“ abgeleitet.

[13] Nicht darin liegt das „Problem“, sondern wie von ihm und seinen Biographen damit umgegangen wurde.