Gervasio: Heiligkeit inmitten der Welt und im Treibhaus

21. Januar 2009

 

Lámina: ‘Businessman standing in a pool with an umbrella

 

Die Heiligkeit im Treibhaus bezieht sich auf das Treibhaus des Opus Dei. Es ist die Heiligkeit der Universität von Navarra, als Professor, Hausmeister oder Student, in einem Privatgymnasium, als Mitglieder einer Delegation, als Leiter des Jugendclubs Blaue Fische oder als Verantwortlicher für das Einkehrhaus Los Eucaliptos, als Numerarierpriester, Vokal von St. Raphael, als Anwalt, der sich auf Dinge des Werkes spezialisiert hat, Mitarbeiter der Pressestelle des Opus Dei, Arzt für die Leute des  Opus Dei und dergleichen. Heiligkeit in der Welt ist die Heiligkeit in Tätigkeiten wie der eines Professors der Universität de Castilla La Mancha, in einem staatlichen Gymnasium, als Friseur, Installateur, Gemischtwarenhändler, Apotheker, Tiefbauingenieur etc.

Als ich dem Opus Dei beitrat, erzählten sie uns von Heiligkeit in der Welt, nicht von der Heiligkeit im Treibhaus. In diesem Zusammenhang fällt mir ein erfolgreiches Buch ein, das in der Sammlung Biblioteca del Pensamiento Actual („Bibliothek des aktuellen Denkens“) erschienen war, die, so scheint es mir, von Rafael Calvo Serer geleitet wurde (R.I.P.). Es war eine sehr gute Sammlung von Essays. In dem Essay, auf den ich mich beziehe, wurde besonderer Weise darauf hingewiesen, wie der Protestantismus die Arbeit und die weltlichen Angelegenheiten zu einer neuen Würde verholfen hat, als Schauplatz, um die christlichen Tugenden auszuüben. Der Protestantismus hielt die Arbeitsamkeit für eine bedeutende Tugend. Im Gegenteil, der Katholizismus hat nicht die Arbeitsamkeit gefördert, sondern den adeligen Müßiggang. Noch am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Ländern wie Spanien Arbeit bei Angehörigen der Oberschicht schief angesehen. Ein echter Edelmann, ein Hidalgo, durfte gar nicht arbeiten, schon gar nicht im Kommerz- oder Bankwesen, ganz zu schweigen von den knechtischen Arbeiten, die man nicht am Sonntag ausführen darf. Das Opus Dei – so hat man uns gesagt; das Buch hat das nicht gesagt – ist gekommen, um diesen Gedanken neu zu entdecken, die weltlichen Angelegenheiten zu heiligen und die Arbeit in eine Gelegenheit zu verwandeln, die christlichen Tugenden zu üben.

Der Gründer des Opus Dei arbeitete in zwei Akademien: Kurz nach seiner Weihe in einer Akademie, dem Institut Amado in Saragossa, und in der Akademie Cicuéndez in Madrid. Später, 1933, schuf er seine eigene Akademie: die Akademie DYA, spezialisiert auf Recht und Architektur. Man sieht, er hatte eine Neigung zu Akademien.  „Die Akademie kann man als das erste korporative Werk des Opus Dei bezeichnen, lesen wir in einer offiziellen Biografie, sie wurde im Dezember 1933 in der Calle de Luchana in  Madrid eröffnet (er nannte sie auch gern „Haus des Schutzengels“). Bei der Akademie DYA ging man nicht soweit, eine akademische Graduierung anzubieten. Das war das Kriterium, und diese Rechtfertigung lieferte die Instruktion von St. Raphael, datiert von 1935 – man wollte die Existenz von etwas vermeiden, was wie eine korporative Tätigkeit des Opus Dei aussah. Akademie ja, akademische Graduierung nein. So war die Praxis.

Aber später verwandelte sich das Opus Dei in eine Institution, die dadurch charakterisiert war, dass sie Aktivitäten förderte, die vom Opus Dei selbst geschaffen und kontrolliert wurden. Im Katechismus des Werkes von 1959 – die früheren Auflagen sind zurückgezogen worden – unterscheidet man drei Arten von Werken: Korporative, gemeinsame und Hilfswerke. Die Korporativen Werke werden offiziell vom Opus Dei geleitet. Es sollen nur wenige sein; sie sind ein Grund zu sagen, seht her, wir haben ein Gesicht und sind nichts Geheimnisvolles. Ihre Gebäude müssen Ausstrahlung besitzen. Wenn es das Opus Dei  repräsentieren soll, muss es klasse sein. Die gemeinsamen Werke waren weltliche Unternehmungen mit apostolischem Gehalt, vom Opus Dei kontrolliert und geleitet, aber nicht offiziell vom Opus Dei. Das Flaggschiff der gemeinsamen Werke in den fünfziger und sechziger Jahren war die Zeitschrift La actualidad española, eine Illustrierte, eine Art spanische Paris Match, auf deren Rückseite für einen Damenpullover der Marke Skorpion geworben wurde. Das war nicht das einzige gemeinsame Werk dieser Art in Spanien. In Frankreich gab es die Zeitschrift La Table Ronde. In den USA wurde für ganz kurze Zeit eine weitere Zeitschrift lanciert, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Ihr Slogan war: the news on perspective. Sie hatte ein Format und eine Aufmachung ähnlich der Times und der Newsweek, aber sie erschien monatlich. Sie wollte dieselben Leser ansprechen. Die Hilfswerke sind rein wirtschaftlich. Sie haben keine direkte apostolische Absicht, sondern sollen Geld für das Apostolat beschaffen. Das typische Hilfswerk war ESFINA, eine Investmentgesellschaft, die gute Renditen abwarf. Bei den Hilfswerken muss in irgendeiner Weise erkennbar sein, dass sie mit dem Opus Dei verbunden sind. Im Unterschied zu den gemeinsamen Werken war es beispielsweise aber doch denkbar, dass ein Priester des Opus Dei, der Exerzitien gepredigt und ein paar Seelen begeistert hatte, dazu einlud - nicht von der Kanzel, aber im Gespräch - La actualidad Española zu abonnieren. In den jüngeren Auflagen des Katechismus des Werkes finden sich diese korporativen, gemeinsamen und die Hilfswerke nicht mehr. Heutzutage unterscheidet man nur mehr zwischen korporativen und persönlichen Werken. Ein Privatgymnasium beispielsweise ist nunmehr ein persönliches Werk. In diesem Zusammenhang sagte eine Supernumerarierin zu mir, ein echtes Scherzkeks:

—    Das Opus Dei, der „Fomento de Enseñanzas“ (Muttergesellschaft der Privatgymnasien des Werkes) und der Elternverein, die Allerheiligste Dreifaltigkeit: drei verschiedene Personen, aber nur ein Gott.

Im Evangelium des Hl. Matthäus gibt es eine ziemlich rätselhafte, aus dem Kontext gerissene Phrase, die lautet: Wo ein Aas ist, sammeln sich die Geier. Ubicumque fuerit corpus illic congregabuntur et aquilae. Diese Adler oder Raubvögel, die sich sammeln, wenn sie einen Kadaver riechen, brachten den Gründer auf die Idee, untergehende Unternehmungen zu erwerben und mit christlichem Geist neu zu beleben. Ich habe unsere Art zu arbeiten -  dies die Worte des Gründers – auf diese Worte der Schrift bezogen: ubicumque fuerit corpus, illic congregabuntur et aquilae (Mt. 24,28), denn Gott, unser Herr wirsd strenge Rechnung von uns fordern, wenn wir es  aus Trägheit oder Bequemlichkeit, wir, jeder einzelne, unterlassen, frei an den Werken und menschlichen Unternehmungen teilzunehmen, von denen Gegenwart und Zukunft der Gesellschaft abhängen (Brief Res omnes, 9-I-1959). Als Beispiel diene La Table Ronde. Es war eine konkursreife Zeitschrift, die gekauft und in ein gemeinsames Werk verwandelt wurde. Jahrelang lagen sie in den Wohnzimmern der Numerarier des Opus Dei,  mit ihren orangen Deckeln, zusammen mit der Actualidad Española, Nuestro tiempo und einigen anderen Publikationen.  

In der Predigt oder den Schriften des Gründer dient die Heilige Schrift und sogar das Evangelium oft nur als Stichwort für einen eigenen Gag, nicht als Offenbarung. Das Wort dondequiera Wo ein Aasn ist, sammeln sich die Geier war für Sanktjosemaría nur ein Vorwand für seine eigene Botschaft. Viele Schriftsteller haben mythologische Situationen und Fabeln genutzt, um ihr eigenen Gedanken an den Mann zu bringen. So sprach der hl. Franz von Sales von den Rebhühnern Paphlagoniens, die zwei Herzen haben. Ich weiß aber nicht mehr genau, welche Moral oder welche Überlegung er aus dieser Tatsache schöpfte.

Im 4. Teil der Instruktion für die Direktoren gibt er eine Sammlung von Worten Jesu Christi unseres Herrn: Der Leiter ist civitas supra montem posita, wie eine Stadt, die auf einem Berg liegt (vgl.  Mt. 5, 14): alle Augen sind auf ihn gerichtet. Es muss deshalb Vorbild für alle sein: Die Älteren und die Kleinen haben die gleiche Vibration wie der Leiter. Und die neuen, die jungen Berufungen werden bis ins kleinste Detail den nachahmen, der an der Spitze steht. Wie viele Seelen, welche Arbeit hängt davon ab, dass ihr brennt! Da er Privatoffenbarungen hatte, durfte er auch die Heilige Schrift tiefer verstehen. Im Gegensatz dazu kam mir Don Alfredo García in den Sinn. Dieser Priester glaubte an das geoffenbarte Wort. Mit welcher Ehrfurcht er es behandelte!

In der Zeitschrift „Romana“ (XIII, Juli-Dezember 1991) ist zu lesen: Am 7. August 1931, in der Heiligen Messe, beim Erheben der Hostie nach der Konsekration blieben die Worte des hl. Johannes (12, 32) in die Seele des Josemaría Escrivá de Balaguer eingegraben. Da kamen mir  - so schrieb er am selben Nachmittag –mit außerordentlicher Kraft und Klarheit diese Worte in den Sinn. Ich höre sie nach dem lateinischen Text der Vulgata: Et ego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad meipsum. Ich war 29 Jahre alt und hatte vor noch nicht drei Jahren das Opus Dei gegründet. An diesem Morgen gab es eine mystische Erfahrung, ähnlich einiger anderer, die ich hatte – denn  es gab noch weitere im Leben des Dieners Gottes. Ich beziehe mich auf den Einbruch des Göttlichen in die Seele, in der Form einer locutio divina. Ein erster Moment des Erschreckens angesichts der göttlichen Majestät, dann der Friede des „Ne timeas!" (Fürchte dich nicht!), ich bin es. „Und ich verstand, dass es die Männer und Frauen Gottes sein werden, die das Kreuz mit der Lehre Christi über alle menschlichen Tätigkeiten erheben werden“...  Und ich sah den Herrn triumphieren und alles an sich ziehen“ Josemaría Escrivá erlebte diese übernatürliche Erfahrung und zwar, so erklärte er es oftmals, im klaren Zusammenhang mit der Gründung, das heißt, in enger Verbindung mit dem Geist des Werkes, das der Herr ihm anvertraut hatte.

Welchen Wert hat dieses innere Zwiegespräch? Das Phänomen, innere Stimmen zu hören, ist ziemlich gut erforscht. Wer sie hört, möchte nicht unbedingt betrügen, aber er will, dass man akzeptiert, dass er sie wirklich gehört hat. Das mit dem Thron der Ehre Gottes ist sehr angeberisch und passt gewiss zu seiner Persönlichkeit. Sehr narzisstisch, würde Marcus Tank sagen.

Unglaublich, wenn einer das Evangelium aufschlägt, und ihn das ubicumque fuerit corpus an das Apostolat der öffentlichen Meinung erinnert. Er liest die Passage vom Einzug Jesu in Jerusalem, und es kommt heraus, dass Escrivá  de Balaguer höchstselbst der Thron der Ehre Jesu Christi ist. Dann kommt das Ne timeas María (Lk. 1, 30), und man sieht, dass der Jungfrau Maria dasselbe passiert wie dem Gründer am 7. August 1931.

Ihr sollt nicht mich nachahmen, sondern Jesus Christus, hatte der Gründer in seiner Demut gesagt. Und Don Álvaro fügte hinzu:

—  Aber zu Jesus Christus muss man auf dem vorgesehenen Weg gehen.

Da lächelte der Gründer zufrieden. Der Ausdruck vorgesehener Weg stammt aus der Militärsprache. Um zum General zu kommen, muss man zuerst zum Oberst. Die Heiligkeit im Opus Dei besteht darin, Escrivá nachzuahmen, als eine Form, Christus nachzuahmen. 

Wenn ihr nicht durch meinen Geist, wenn ihr nicht durch mein Herz geht, sagte der Gründer, indem er sich in eine Art Gnadenmittler verwandelte, werdet ihr Christus nicht finden.

In den Häusern des Opus Dei existiert die Gewohnheit, dass man sich zur Gewissens­erforschung versammelt und einer dabei das Evangelium des Tages kommentiert, vor allem als Aufforderung: Machen wir dies oder jenes. Man kommt auf etwas Konkretes, dass dem Opus Dei besonders entspricht. Das Mitglied des Opus Dei muss aus dem Evangelium etwas herauslesen, was die Spiritualität des Opus Dei bestätigt

Aber ich zerstreue mich. Wir sind von der Welt und vom Treibhaus ausgegangen. Bald hat Sanktjosemaría die Heiligkeit inmitten der Welt gegen die Heiligkeit  inmitten des Treibhauses eingetauscht. Ich verstehe, dass man Eduardo Ortiz de Landázuri ausgewählt hat, um ihn selig- und heiligzusprechen (R.I.P.), denn mehr als in der Welt hat er sich im Treibhaus geheiligt, in einem korporativen Werk, der Universität von Navarra. Dass sie einen für die Heiligsprechung aussuchen, der sich im Treibhaus geheiligt hat, sagt viel aus.

Das Treibhaus findet vor allem auf dem Erziehungssektor statt, in Universitäten, Studentenheimen, Gymnasien oder Jugendclubs, denn da kann man Berufungen unter Jugendlichen gewinnen. Diese Ehrfurcht vor den Berufungen wurde schon vor vielen Jahren von den Ordensleuten entdeckt, und sogar vom Weltklerus, mit den Pfarrschulen. Als die Universität säkularisiert wurde, schuf man die katholischen Universitäten. Die Universität von Navarra ist eine von vielen. Orden wie die Dominikaner, die ja schon Predigerorden heißen, damit man sieht, was ihre Absicht ist, haben auch ihre Gymnasien.

Dem Opus Dei geschah dasselbe. Wie soll sich der Consiliarius von Spanien in Roman anschauen lassen – heute nennen sie ihn Vikar – wenn er nur wenige Berufungen hat, und seien es viele Tausende? Sie müssen mich Gymnasien eröffnen lassen, bat er, und dann werden die Kinder in den Gymnasien pfeifen. Und so geschah es.

Der Gründer tröstete sich und uns und sprach: Unsere Aufgaben sind säkular, beruflich, typisch für Personen, die in der Welt arbeiten.

Man kann ein Gymnasium oder eine Universität als berufliche Aufgabe ansehen; aber einen Jugendclub oder ein Studentenheim nicht. Das kann kein Trost sein.

Dieses omnia traham ad meipsum lässt sich in zwei Richtungen interpretieren. Diese Männer und Frauen Gottes,  die das Kreuz mit der Lehre Christi über die Zinne jeder menschlichen Tätigkeit emporheben, können dies korporativ oder individuell tun. Ich nehme die Bemühung um die Universität als Beispiel.

Universität von Navarra erforderte einen enormen Aufwand an Geld, Professoren und Energien, und der Erfolg hat es nicht gerechtfertigt, so viele Leute aus der öffentlichen spanischen Universität abzuziehen. Der Erfolg wäre viel größer gewesen – und hätte nichts gekostet -  die Universität de la Rábida, geleitet von Vicente Rodríguez Casado und der Consejo Superior de Investigaciones Científicas, der von Albareda geleitet wurde.  Man hätte einige selbstständige Universitäten gründen können, wie die von Madrid und Barcelona, oder andere Dinge mehr. Aber man schuf die Universität von Navarra, mit vielen Kosten und Unkosten. Unter anderem mussten sie Antoniutti als Sekretär nehmen. Sie mussten den einen Kardinal aushalten, ein guter Mensch, aber er litt sehr an Aerophagie. Er bewegte sich wie ein Düsenflugzeug. Und jedes Mal, wenn er aufstand… Aber mit all diesen Anstrengungen, des Kardinals und der Numerarier und Numerarierinnen schaute nicht allzu viel heraus. Der Gründer hatte die – völlig unbegründete – Illusion, dass der Tag kommen werde, an dem die Navarrenser, dankbar für das Glück, dass sie als Standort für eine Universität ausgewählt worden waren, in ihren Testamenten eine, wenn auch kleine, Summe für ihre Universität vorzusehen, für die Universität von Navarra. Wenn ich an diese Bemühung um Testamente zugunsten der Universität von Navarra denke, fällt mir sein Ausspruch ein: Träumt, und die Wirklichkeit wird eure Träume noch übertreffen. Die Universität von Navarra ist bei den Ortsansässigen völlig unbeliebt, sie ist fremd und aufgesetzt.

Die Universität von Navarra brachte etwas, aber mehr noch als dem Werk jedenfalls dem Gründer. Niemals verzeichtete er darauf, einen Ehrgeiz zu befriedigen oder eine Demütigung zu vergessen. Seine Kommilitonen im Seminar nannten ihn Rosa mystica, und das demütigte ihn natürlich. Nun, die Allerseligste Jungfrau musste kommen, um ihn  zu entschuldigen und ihm eine Rose zu überreichen. Ich denke, das war das erste Mal, dass die Allerseligste Jungfrau Maria einen solchen Job übernahm. Aber der  Sanktjosemaría war es wert! Als sie nach Lourdes oder nach Fátima kam, tat er das nicht, um sich bei Bernadette Soubirous oder bei den Hirtenkindern zu entschuldigen. Der Gründer verzichtete, so erzählt man das zumindest, auf die entfernte Möglichkeit eines Lehrstuhls an einer spanischen  Universität. Mit der Universität von Navarra konnte er nun Großkanzler werden, Doktorate honoris causa verleihen und die zusammenstecken, die nichts wissen, was kein geringes Werk der Barmherzigkeit ist, denn die Unwissenden nur belehren kann schließlich jeder.

Ich persönlich bin überzeugt davon, dass die apostolischen Früchte viel größer gewesen wären, wenn sich die Professoren der Universität von Navarra über die spanischen Universitäten verbreitet hätten, anstatt eine katholische Universität zu gründen. Aber das war eben der Wille Gottes. So hörte ich Ismael Sánchez Bella sagen, und er hat dieses korporative Werk begonnen.

St. Josemaría, so lesen wir bei Salvador Bernal, Josemaría Escrivá de Balaguer. Anmerkungen über das Leben des Gründers des Opus Dei, S. 579-580, kam am 20. April 1936 das erste Mal nach Valencia, begleitet von den jungen Architekten Ricardo Fernández Vallespín, nicht ohne vorher in seinen Intimen Anmerkungen festzuhalten, dass es der Wille Gottes sei, neue Apostolate außerhalb von Madrid zu eröffnen: „Ich sehe die Notwendigkeit, das dringende Verlangen, Häuser außerhalb von Madrid und außerhalb von Spanien zu eröffnen (...) Ich spüre, dass Jesus möchte, dass wir nach Valencia und nach Paris gehen (...). Man machte schon eine Kampagne des Gebets und des Opfers, als Zement für diese beiden Häuser“.

Augusto Cruañes Cruañes, ein ehemaliger Student aus dem Colegio Mayor La Alameda, Vikar der Kirche San Juan del Hospital in Valencia, schrieb am 21. Januar 2002 im „Boletín de San Juan del Hospital“, dass Sanktjosemaría 1972 in Valencia gewesen sei und sich so ausgedrückt habe: Ich sehe Valencia mit einer besonderen Vorliebe, die aber keine Kränkung einer anderen Stadt in Spanien oder außerhalb Spaniens bedeutet. Denn der Herr wollte, als wir daran dachten, gleichzeitig ein Zentrum in Paris aufzumachen und ein anderes hier, dass die Dinge aus dem Ruder geraten, der Friede in Spanien ging verloren, und es kam jener brudermörderische Krieg. Dann mussten wir hier anfangen, du icht in Paris. Deshalb scheint es, dass Gott unser Herr will, dass ich Valencia in besonderer Weise liebe.

Wie wir wahrnehmen können, sagte er nicht, dass Jesus wolle, dass er nach Paris ginge, sondern dass wir daran dachten, zugleich ein Zentrum in Paris zu eröffnen und ein anderes hier. Der Wille Jesu löste sich auf in ein wir dachten daran. Es ist offenkundig, dass 1972 vergessen war, was er 1936 geschrieben hatte. Und er schließt: Deshalb scheint es, dass Gott unser Herr will, dass ich Valencia auf eine besonderer Weise liebe. Und ich schließe daraus, dass Jesus auch daran interessiert war, dass der Krieg kam und deshalb nicht der rechte Moment war, dorthin zu gehen, und Jesus wollte auch nicht, dass er nach Paris ginge, sondern dass der Gedanke an Paris ein Geistesblitz von Sanktjosemaría war. Ich nenne einen weiteren Schritt: den vom 2. Oktober 1928, in Öl gemalt. Wer treu ist im Kleinen, ist es auch im Großen, und wer untreu ist im Kleinen, wird es auch im Großen sein (Lk. 16, 10). Greif zu Bibel! Und wer sich im Kleinen täuscht, täuscht sich auch im Großen.

Dieses der Herr bittet mich, der Herr weist mich darauf hin, der Herr ließ mich sehen scheinen mir inhaltsleere Phrasen zu sein, theoretisch, falsch, betrügerisch, verlogen. Bestenfalls heißt das, dass er sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat, sondern dass er sie vor dem Allerheiligsten betrachtet hat, nach zwölftägigem Fasten. So kommt mir der Wille Jesu vor, 1936 nach Paris zu gehen. Aber man kann Schlimmeres wollen. 

—              Das ist köstlich! Na ja, Gott will es eben so.

Das zielt darauf ab, dass du etwas akzeptierst, wozu du nicht bereit wärst, wenn es nicht der Wille Gottes wäre. Auf dieser Linie liegen die besonderen Anliegen des Vaters, für die er um Gebet und Opfer bittet. Ich bezieh mich auf die, wo wir nicht erfahren haben, worum es geht; nicht die, dass wir viel Proselytismus machen sollen oder ähnliches. Jedes Mal, wenn so ein unbekanntes Anliegen kam, das Gott zur Ehre gereichen würde, begann ich zu zittern, was uns jetzt schon wieder bevorstünde. Ich habe den Eindruck, dass der Gründer häufig den Willen Gottes änderte, oder dass Gott im Lauf der Gründung oft seinen Willen änderte, oder das sich die Umstände änderten, egal,  ob er dies oder das wollte.

Was ist aus diesem omnia traham ad meipsum abzuleiten, das er am 7. August 1931, dem Fest des Hl. Kajetan, erfuhr, dem Gründer der Theatiner, die sich um das Apostolat und die geistliche Erneuerung des Klerus bemühten? Bedeutet dieses omnia traham ad meipsum, dass man sich bevorzugt, wie Eduardo Ortiz de Landázuri, im Treibhaus heiligen soll, oder in der Welt? Schließt die mystische Erfahrung des 7-VIII-1931 unter den Männern und Frauen Gottes auch die Ursulinen ein, die sich seit dem 16. Jahrhundert der Erziehung widmen? Oder meint es nur die Männern und Frauen Gottes,  die in den Privatgymnasien des Opus arbeiten? Wenn es auch die Ursulinen einschließt, die Äskulapier-Patres und andere Orden, die sich der Erziehung widmen, wie es logisch ist, kann man dann nicht aus dieser mystischen Erfahrung ableiten, dass wir vom Opus Dei nicht eine besondere Art inmitten der Welt zu arbeiten haben, sondern dass wir mit anderen zusammen dazu beitragen, das Kreuz auf der Zinne einer ganz konkreten menschlichen Tätigkeit aufzurichten, der Erziehung? Wenn diejenigen, die im Treibhaus arbeiten, von dieser Vision ausgenommen sind und sie nur die Männer und Frauen  Gottes einschießt, die in der Welt arbeiten, warum schafft dann der Gründer ein Treibhaus für seine geistlichen Kinder, statt sie in der Welt zu lassen? Josemaría Escrivá – so lesen wir in Romana in Bezug auf den 7. August 1931 – erlebte diese übernatürliche Erfahrung, und so erklärte er es oftmals, auf der Ebene der Gründung, das heißt, in strenger Ausrichtung auf den Geist des Werkes, den ihm der Herr anvertraut habe. Auf dieser Ebene der Gründung, so sagt er, sah ich den Herrn triumphieren und alles an sich ziehen. Aber hat er unter diesen Männern und Frauen Gottes Ursulinen gesehen oder nicht? Denn die mystische Erfahrung brachte ihm, wie es scheint, nicht nur Geräusche, sondern auch Bilder zu Bewusstsein. Heutzutage ist es schwierig, Numerarierinnen nach dem äußerlichen Auftreten von Nonnen zu unterscheiden. Aber 1931 unterschieden sich die Ursulinen deutlich durch ihren Habit.

Die Kirche wurde von Christus gegründet. Dennoch hat sie ein menschliches Element an sich. Da haben wir beispielsweise die Heilige Inquisition. Es geht nicht um nachweisliche menschliche Schwächen bei qualifizierten Persönlichkeiten, wie etwa einen  Papst mit einer Freundin, einen pädophilen Priester oder einen Kanoniker, der mit der Köchin und dem Geld des Domkapitels zum Karneval in Rio abhaut. Es geht um einen strukturellen Fehler. Um den Spott auf die Spitze zu treiben, müssten wir einen Inquisitor zur Ehre der Altäre erheben. Hier haben wir ein Lehramt wie das der Päpste des 19. Jahrhunderts, für die das Recht auf Religionsfreiheit ein Pfuhl des Abgrunds, ein Wahnsinn, ein sehr schlimmer Fehler sei, und andere Nettigkeiten. Dann kam das Zweite Vatikanische Konzil und erklärte, dass die Religionsfreiheit ein angeborenes Recht der menschlichen Person ist.

Hat das Opus Dei keine strukturellen Fehler, oder hat es sie nicht im Griff, denn, mit den Worten des Gründers, das Unternehmen, an dem wir arbeiten, ist kein menschliches Unternehmen, sondern ein großes übernatürliches Unternehmen, das  notwendigerweise  ganz getreu durchgeführt werden muss, damit man es ohne Überheblichkeit das Werk Gottes nennen kann?

— Komm schon, komm schon! Sag nicht, dass das Opus Dei göttlicher als die Kirche selbst ist.

Im Opus Dei findest du eher strukturelle Fehler als Schwächen einzelner Personen. Ruiz Retegui sprach sogar von einer Struktur der Sünde.

Diese strukturellen Defekte werden schlimmer, wenn man den Willen Gottes ins Spiel bringt, um das durchzusetzen, was man selber will. Escrivá beutete den Willen Gottes bis zum Überdruss aus. Alles, was geschah, ging von Gott aus; nach Paris gehen, dass es im Opus Dei Frauen gibt, dass es kein Säkularinstitut mehr sein soll etc. Und nicht nur seine Gebote, sondern auch seine Kaprizen verwandelte er in den Willen Gottes. Er gehorchte nur Gott. Aber wie kann man das von einem Priester erwarten, der aus seinem Dienst in der Diözese Saragossa weggelaufen ist, mit der Ausrede, seine Studien abzuschließen, und dann hat er sich nach Madrid verpisst und weder seine Studien abgeschlossen, noch ist er zurückgekehrt? Es ist leicht, dem eigenen Ordinarius zu gehorchen, wenn man außer seiner Reichweite ist. Er predigte immer Ehrfurcht gegenüber den Bischöfen, aber wohlverstanden so, dass sie nichts anschaffen konnten, nicht eingreifen oder ihre Meinung äußern, über ihn oder über sein Werk. Wie er uns bei einer bestimmten Gelegenheit mit Bezug auf das Recht der Ortsordinarien sagte, die Häuser des Opus Dei zu visitieren:

— Sie haben das Recht, die Kapelle zu visitieren. Gebt ihnen ein Kissen zum Niederknien. Und dann sollen sie verschwinden!  

Ich kann nachts nicht schlafen. Da kommt dann der Moment, wo ich bereits zwei oder drei Rosenkränze gebetet habe. Und ich bleibe wach, hörte ich den Gründer. Ich habe gefragt, ob ich ein Radio haben darf, und sie haben es mir erlaubt.

Das war die Art Gehorsam, den der Gründer übte. Er hörte in der Nacht Radio, aber mit Erlaubnis.

Noch etwas über den Gehorsam. Es trug sich im Soggiorno des Einkehrhauses von Villa Tevere zu, wohin sich der Gründer geflüchtet hatte, wie er es häufig tat, um mit den Studenten des Collegium  Romanum Tertulia zu halten. Nach fünf Minuten erschien Don Javier Echevarría, der  Custode für das äußere Verhalten, so nannte man das, glaube ich, um in nach Villa Sachetti abzuholen, wo eine wichtige Numerarierin ihren Namenstag oder etwas dergleichen feierte. Don Javier nörgelte und zog ihn fast weg, während er murrte und sich beklagte:

—  Sehr ihr, wie ich nicht machen kann, was ich will? Sehr ihr, wie ich nicht machen kann, was ich will?

Oráculo hat einen strukturellen Fehler in seiner Arbeit Die Freiheit der Gewissen im Opus Dei angezeigt, die von vielen Zeugnissen gestützt wird. Hier sieht man einen strukturellen Defekt, der ernsthaft die Funktion der Institution in Frage stellt. Ein Opus Dei, das auf die wilde Aufrichtigkeit verzichtet und sich an Canon 630 hält, ist undurchführbar. Dass das Opus Dei sich mehr auf das Treibhaus als auf die Welt konzentriert, ist meines Erachtens weniger bedeutsam für seine Existenz. Es verwandelt es allerdings in eine weitere von vielen Institutionen, und das ist es bereits, die sich Gymnasien, Jugendclubs und aneren apostolischen Aufgaben von dieser Sorte widmet. Es gibt jemanden, der sagt, dass sie es besser als die Ursulinen machen.

Ich sehe, dass die Idee aus der „Bibliothek des aktuellen“ Denkens sehr vernachlässigt wird. Ich habe mich anfangs darauf bezogen und nicht vergessen, darauf zurückzukommen. Und ich beziehe mich nicht auf den Esel am Schöpfrad, sondern auf die Heiligung in der Welt, nicht die im Treibhaus.

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