Kapitel 9. DIE LETZTE PERIODE IM LEBEN DES GRÜNDERS

 

WENN EIN MYTHOS des Opus Dei darin besteht, dass es sein Apostolat unter den Eliten ausübt und die übrigen Formen, den Katholizimus zu verbreiten, verachtet, besteht ein anderer höchst charakteristischer Mythos des Opus Dei in der Persönlichkeit des Gründers. Damit ist, abgesehen von Geschichten oder allegorischen Fiktionen vor allem in religiöser Hinsicht ein Bezug oder eine Nachricht gemeint, die die wahre Person zurücktreten lässt und sie mächtiger oder attraktiver erscheinen lässt.

Von Anfang an forderte Escrivá von den Mitgliedern des Opus Dei einen idolatrischen Kult um seine Person. [Unterstützungserklärung für María Angustias Moreno. In: „Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?“ Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 267-268.] Aber es ging nicht um die diskrete menschliche Bewunderung, die dem Gründer eine religiösen Kongregation gebührt, sondern es war eine echter idolatrischer Kult, als ob das Opus Dei eine Sekte wäre, in der man den Guru anbetet. Es handelte sich um einen heidnischen Kult, in den Dimensionen vergleichbar dem Geist faschistischer Diktaturen in den vierziger Jahren in Europa, und er erreichte im Opus Dei erschreckende Ausmaße, die man einer angeblich katholischen Organisation nicht durchgehen lassen kann, wenn in ihr alles um die Gestalt Escrivás kreist, den man als „den Vater“ und Gründer per antonomasian ansieht.

Escrivá hatte seine Anhänger leicht davon überzuegt, dass er ein Heiliger war und dass Gott ihn  als Werkezug erwählt hatte, „obwohl er ein großer Sünder war“, wie er sagte, und zwar für die Rettung der Welt. Er war ein Mann, besser gesagt, ein Priester, den Gott gesandt hatte und der seinen göttlichen Einfluss nutzte, um das Werk Gottes zu fördern. „Päpste und Kardinäle gibt es viele – so pflegte er zu sagen – aber Gründer des Opus Dei nur einen.“

Schon in den ersten spanischen Nachkriegsjahren, als das Opus Dei wenig Geld hatte und man beim Essen der Numerarier sparen musste, forderte Escrivá für sich einen luxuriösen Wagen, um durch Madrid zu fahren, „so groß oder größer wie der eines Ministers“. [Carandell, Luis, „La otra cara del Beato Escrivá, Zeitschrift Cambio 16, Madrid, März 1992]. Escrivá rechtfertigte seine Eitelkeiten und seinen Größenwahn damit, dass er als bedeutende Persönlichkeit auftreten müsse, aus Rücksicht auf sein Werk. Er konnte also in keinem mittelmäßigen Hotel absteigen, es musste ein erstklassiges sein. Er konnte keine billigen Manschettenknöpfe tragen, sie mussten aus Gold sein. Und immer, wenn er sich wichtig machen wollte, spielte er die übernatürliche Karte aus, auch wenn es nur um eine Kaprice, und beruhigte sein Gewissen, indem man sich versicherte, dass man alles für das Wohl des Werkes tat. [Miguel Fisac: Ich habe ihn niemals gut über jemanden reden hören].

Obwohl sich Escrivá als den einzigen Vermittler des göttlichen Willens bezeichnete, mischten sich in den idolatrischen Kult des Gründers Nachrichten übr seine bäuerliche Grobheit, und sein angebliches Charisma bestand darin, dass er forderte, wenn jemand Gott liebe, habe er dem zu gehorchen, was der Gründer sagte, und das wurde innerhalb des Opus Dei zum einzigen und absoluten Kriterium.

Für die Mitglieder des Opus Dei ist die Hingabe an Escrivá bedingungslos, sie erlaubt keine Art von Widerspruch und duldet nicht die geringste Abweichung, und sie verwandelt die Männer und Frauen, die zum Werk gehören, in eine Miliz oder in ein durch und durch diszipliniertes paramilitärisches Corps. [Castillo, J. M., „La anulación del discernimiento“, S. 136]. Eine Frau, die viele Jahre dazugehört hatte und Leitungsfunktionen in der weiblichen Abteilung Opus Dei inngehabt hatte, erkannte, dass man sich immer im Recht fühlte, aus dem einfachen Grund, weil man dem Werk Gottes angehörte. Im Opus Dei wurde die sichere Lehre erteilt, und kaum war man beigetreten, bekam man dies schon von auserwählten Personen versichert, verbürgt und garantiert, die Direktoren besaßen außerordentliche Gaben, und zwar deshalb, weil sie mit dem Vater geeint waren und im Werk alles durch den Vater geschieht, denn der Vater irrte sich niemals. „Ich müsst durch mein Kopf gehen und durch mein Herz“, versicherte Escrivá wiederholt. [Moreno, María Angustias, El Opus Dei. Anexo a una historia, Planeta, Barcelona, 1976, S. 61].

Das ehemalige Mitglied, das Leitungsfunktionen in der weiblichen Abteilung des Opus Dei innehatte, bezeugt auch die „eindrucksvolle spirituelle Selbstzufriedenheit, die im Werk gelebt wird und die man auf den direkten Draht, das rote Telefon zurückführt, das den Gründer direkt mit Gott verbindet. Dem Himmel liegt daran, dass sich das Werk durch das verwirklicht, was Msgr. Escrivá denkt und vorschlägt. Deshalb gibt es nichts, was wir fürchten müssten. So wie es „nichts gibt, was mit mit jemandem diskutieren müssten“: Gott will es, und basta. Man muss nur hinaufblicken, alle Sorgen sein lassen, sich von den persönlichen Notwendigkeiten freimachen, sogar von der Notwendigkeit zu denken“. [Moreno, María Angustias, S. 61-62].

Als die Mitglieder des Opus Dei mit ausreichenden finanziellen Mitteln rechnen konnten, entschlossen sie sich den Grund und das Haus zu kaufen, das mit dem Gründer in allen Etappen seines Lebens verbunden war. Dieser Prozess begann zu Lebzeiten Escrivás und wurde vom ihm persönlich überwacht.

Man kaufte das bescheidene Landhaus in der Calle Mayor von Barbastro, wo Escrivá geboren wurde, riss es ab und baute an seiner Stelle ein herrschaftliches Haus, indem man die benachbarten Baulücken einbezog, „der umliegenden Häsuer, im Einklang mit er angeblichen Bedeutung dessen, der hier geboren war“. Das Ergebnis war, laut den Mitgliedern des Opus Dei, „ein vortreffliches Gebäude im reinsten aragonesischen Stil, in perfekter Harmonie mit der Umgebung, und es dient einem Kulturzentrum mit einer Kapelle und einem kleinen  Wohnheim, ganz nahe dem großen Gutshaus, in  dem die beiden Argensola geboren wurden, die berühmten aragonesischen Dichter, und in dem auch der ruhmreiche General Antonio Ricardos geboren wurde und lebte, der Herzog von Truillas. Ein wahrhaft bedeutsamer Winkel: Innerhalb weniger Quadratmeter kamen die vier Söhne Barbastros zur Welt, die die Aureole dieser Stadt am meisten zum Leuchten gebracht haben“. [Diario „La Vanguardia“, Barcelona, 25. Juli 1972]

Sie bemühten sich auch das Taufbecken aus der Kathedrale von Barbastro zu erwerben, in dem Escrivá getauft worden war; aber es war während des Bürgerkriegs zerstört worden. Die Jünger Escrivás schafften es, eine Kopie nach einem Plan anfertigen zu lassen und sie an den Zentralsitz des Opus Dei in Rom zu schicken.

1971 fiel mit örtlichen Festen von Barbastro die Benennung einer Hauptstraße nach Msgr. Josemaría Escrivá de Balaguer zusammen, als Hommage an den geliebten Sohn seit 1947. Bei der Einweihung sprach der Konsiliarius des Opus Dei in Spanien, Florencio Sánchez Bella, einige Worte, um den Gründer vorzustellen: „Barbastro, ihr wisst es gut, ist zugleich die Wiege von Msgr. Escrivá de Balaguer und Zeugin der Geschichte seiner Familie. Der Name, den ihr dieser Straße gebt, gehört zu einer Stamm, der über Jahrhunderte an diesem Ort von sich hören ließ, der wie die vier Balken zum alten Königreich Aragonien gehört. Von den oberaragonesi­schen Wurzeln des Monsignore zeugen die adeligen Familiennamen, die von den Historikern erwähnt sind, aber auch von Escrivá selbst, die in Balaguer seit der Reconquista Wurzeln geschlagen haben, Albás und Boyl, Entenza und Zaydín, Blanc, der er durch die väterliche wie durch die mütterliche Linie angehörte, Falces und Corzán, Bardaxí, Peralta, Azlor, Valón und so viele andere, deren Mitglieder uns das eine oder andere Mal im Lauf der Jahrhunderte in den historischen Wechselfälle dieser Stadt begegnen. [Anm.: Tatsächlich handelt es sich bei keiner dieser Familien um Adelige, sondern um getaufte jüdische Patrizier. Vgl.  Anna Calzada: Familie Escribà in Balaguer ] Es kann uns also die Liebe des Msgr. Escrivá de Balaguer zus einem Land nicht wundern, zu dem Land seiner Vorfahren, wie uns auch nicht die Liebe verwundern kann, die Menschen aller Rassen aus der ganzen Welt fühlen, die mit ihm verbunden sind“. Wir kommen an dieser Stelle von dem, was lokal ist, zu dem, was bereits universal und katholisch ist. [Patronato de Torreciudad, Hoja de Información, Madrid, Oktober 1971].

Der Ort, wo für Escrivá in seiner Kindheit gebetet worden sein soll, die kleine Eremitage von Torreciudad bei Bolturina, nicht weit von Barbastro, erlitt große Umformungen. Hier, an dem Ort, der der Erinnerung an die früheste Kindheit des Gründers des Opus Dei geweiht ist, entschied er sich ein großes Heiligtum zu bauen. Escrivá hatte den ehrgeizigen Wunsch, drei oder vier Marienwallfahrtsorte an verschiedenen Orten der Welt zu stiften [Vázquez de Prada, Andrés, S. 398], und indem sie den Wünschen des Gründers zu Lebzeiten nachgingen, begannen die Mitglieder des Opus Dei die Aufgabe zu lösen. Da verschlug es auch wenig, dass das traditionelle und beliebte Wallfahrtsziel der Gegend Unsere Liebe Frau von Pueyo war, der Gründer des Opus Dei entschied, dass es in Bolturina war, in der Eremitage von Torreciudad, weil es mit seiner Kindheit verküpft war und sich hier ein außerordentliches Ereignis begeben haben soll. Torreciudad bedeutete in der Vorstellung Escrivás den Triumph über die Krankheit, denn seine Mutter hatte ihn auf einer Wallfahrt auf dem Rücken eines Pferdes, als er erst zwei Jahre alt war, hingebracht, um die Jungfrau Maria anzurufen, und diese Bemühungen um das Heiligtum seien als Zeichen der Dankbarkeit für die ersehnte Heilung von der Epilepsie zu verstehen, an der der Gründer des Opus Dei litt, einer Krankheit, die durch Krämpfe und Ohnmachten gekennzeichnet ist und häufiger in der Kindheit auftritt.

Drei der ersten Numerarier des Opus Dei brachten das Projekt in Gang. Die Bauarbeiten begannen in den sechziger Jahren, aber Escrivá konnte den Bau nicht mehr vollendet sehen, der erst 1976 fertig wurde. Die erste Zeremonie, die in Torreciudad  gefeiert wurde, war ein feierliches Requiem für die Seele des Gründers des Opus Dei. In Torreciudad errichtete das Opus Dei ein soziales Erziehungszentrum, ein historisches Archiv der Krone Aragoniens, eine Herberge und eine Landwirtschaftsschule, vor allem aber die großartige Basilika, und die Kosten beliefen sich insgesamt auf etwa drei Millionen Peseten. Die Finanzierung erfolgte mit öffentlichen Mitteln, die Hauptlast trug der Franco-Staat.

In der Mitte des Gebäudekomplexes befindet sich die Basilika, die dazu bestimmt ist, das Marienbild aufzunehmen, das seit Jahrhundert seinen urspünglichen Platz in der Eremitage hat. Nachdem die Mitglieder des Opus Dei das Projekt als Wallfahrtsort deklariert hatten, wollten sie das  Marienbild von der Eremitage in die Basilika übertragen, aber dabei trafen sie auf Schwierigkeiten. Der erste Schritt für die Zueignung war die Restauration des romanischen Schnitzwerks der Maria, die der Legende nach im 11. Jahrhundert einigen Holzfällern aus Bolturina erschienen sein soll. Es gab allerdings einen Vertrag mit der Diözese, nach dem das Gnadenbild für immer in der alten Eremitage bleiben solle und dort nicht mehr entfernt werden dürfe. Um das Gnadenbild in die neue Basilika zu überführen, suchten die Mitglieder des Opus Dei eine legale Ausflucht, sie änderten die Übereinkunft, und die Immobiliengesellschaft des Opus Dei als Eigentümerin von Torreciudad und die Diözese von Barbastro einigten sich, dasss der Bereich der neuen Wallfahrtskirche und die alte Eremitage als eine einzige kirchliche Einheit zu betrachten seien, sodass das Gnadenbild ebenso in der Eremitage wie in dem neuen Heiligtum verwahrt werden könne. Seit damals befindet sich das Gnadenbild gewöhnlich oben, in der Basilika des Opus Dei oben auf dem Berg, die den Horizont beherrscht, und nur bei sehr seltenen Gelegenheiten unten in der alten, einfachen Eremitage, wie es die Mehrzahl der Einwohner von Bolturina immer gewünscht hatte. Aufgrund all dessen empfanden die Katholiken des Somontano die Manipulationen rund um die Jungfrau von Torreciudad als Übergriff und eine weitere Folge des religiösen Einflusses, den das Opus Dei in der Gegend ausübt, weil sie die Heimat Escrivás ist.

Der Ehrgeiz des Opus Dei besteht darin, das Heiligtum von Torreciudad in ein internationales marianisches Zentrum zu verwandeln, das eng an die Geschichte des Opus Dei geknüpft ist. Details fehlen nicht. Auf der Esplanade des Gebäudekomplexes von Torreciudad befindet sich eine der Bronzeglocken der Madrider Kirche „Unserer Lieben Frau von den  Engeln“ in der Nähe der Glorieta de Cuatro Caminos, die Escrivá an einem ruhigen Herbstmorgen gehört haben soll, dem des 2. Oktober 1928, ein magisches Datum aus den Anfängen des Opus Dei. Es gibt auch in der Basilika ein Bild des gekreuzigten Christus, das an ein intimes Erlebnis Escrivás erinnert, das er  in Madrid am 7. August  1931 hatte. Andererseits war auch der Altar aus Azulejos aus der Kapelle des ersten Studentenheims des Opus Dei in der Calle Samaniego, Valencia 1940, millimetergetreu rekonstruiert und in der Basilika von Torreciudad aufgestellt worden. Ursprünglich war für den Hochaltar ein Altarblatt aus Alabaster mit 15 Meter Höhe geplant gewesen, kopiertes Rankenwerk der Renaissance, mit sieben Adelsschildern, von denen Fachleute der Genealogie versichert hätten, dass sie den sieben Familiennamen des Gründers des Opus Dei entsprächen.

Es ging ausdrücklich darum, den Gebäudekomplex in Torreciudad in  einen Ort zu verwandeln, den „Christen auf der ganzen Welt kennen“ [Zeitschrift „Mundo Cristiano“, Madrid, Juli 1964] . Freilich sagt das Opus Dei nicht offen, dass die Verehrung des Gründers einer der Hauptgründe für seine Präsenz in Torreciudad und seiner Umgebung ist, und sie erklären es so: „Die Liebe zu Unserer Lieben Frau brachte das Opus Dei dazu, sich um das Heiligtum zu bemühen und hier eine intensive geistliche Arbeit zu etablieren, die für Personen aller Länder offen ist und Torreciudad einen neuen Glanz verleihen wird.“ [Zeitschrift „Mundo Cristiano“.] Mit dieser Aussicht erreichte es das Opus Dei 1983, dass das Heiligtum von Torreciudad in die offizielle Marianische Route aufgenommen wurde, die von El Pilar in Saragossa nach Lourdes in Südfrankreich führt.

Ein anderes Beispiel für die Verehrung des Gründers stammt aus der Kirche San Cosme in Burgos. Eines schönen Tages erschien ein Expertenteam, das Millimeter für Millimeter einen kleinen Barockaltar mit einem 200 Jahre alten Gnadenbild aufzeichnete. Die genaue Kopie war für Rom bestimmt, damit der Gründer in einer der Kapellen des Haupthauses so beten konnte, wie er es in der Pfarrkirche von San Cosme in Burgos während des Bürgerkriegs getan hatte,  ohne seine Fantasie anstrengen zu müssen.

Aus dem gemieteten Haus in Madrid, Calle Diego de León, Ecke Lagasca-Straße, mit seinen anfänglich drei Stockwerken wurde ein imposanten Gebäude mit acht Etagen, als dann das Haus 1957 für das Opus Dei gekauft worden war. Der Bau war 1966 vollendet, und das architektonische Kuriosum besteht darin, dass das neue Gebäude, das mit allen technischen Errungenschaften prahlt, die alte Wohnung umschließt, die Escrivá und seine Familie in der Anfangszeit des Opus Dei nach dem Bürgerkrieg benützt hatten. Auf dem  Grundstück, das den Zentralsitz des Opus Dei in Spanien beherbergt, befindet sich auch in einem Untergeschoß, 20 Meter unter dem Straßenniveau, eine Krypta mit den sterblichen Überresten der Eltern des Gründers des Opus Dei, die 1969 aus dem Friedhof Almudena in Madrid überführt worden waren. In den Wänden der Krypta, links und rechts von einem Altar, befinden sich zwei Urnen mit der Inschrift „In Pace“ und den Namen und Geburts- und Sterbedaten von José Escribá und Dolores Albás.

Aus Anlass seiner ersten Reisen nach Rom im jahr 1946 besuchte Escrivá zweimal Barcelona, und beide Male betete er vor dem Gnadenbild Maria de la Merced. Das zweite Mal ließ er ein Bild von Maria de la Merced mit den Daten seiner Gebete malen: 21. Juni – 21. Oktober 1946 [Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?“, Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992]. Das Bild befindet sich in einer der Kapellen im Zentralsitz des Opus Dei in Rom, zur Erinnerung an die erste Seefahrt Escrivás durch das Mittelmeer.

Am spanischen Sitz des Opus Dei in Madrid, Calle de Diego de León 14, werden auch ein Steuerrad und eine Schiffsglocke verwahrt, die den „Weg“ nach Rom begleiteten. Beide Gegenstände waren von Mitgliedern des Opus Dei gekauft worden, nachdem der alte Dampfer der Compañía Transmediterránea, zu dem sie gehört hatten, J. J. Sister, außer Dienst gestellt war, der wöchentlich zwischen Barcelona und Genua verkehrte und den Gründer des Opus Dei nach Italien brachte.

Seit Escrivá in Rom lebte, verlangte er von seinen Jüngern, dass sie alle Sätze, die er sagte, „für die Nachwelt“ aufschreiben sollten, denn er war von seiner Bestimmung überzeugt. Laut einem ehemaligen Mitglied des Opus Dei hat er „persönlich die Vorbereitungen getroffen, um seinen eigenen Altar zu errichten“. [Tapia, María del Carmen, „Tras el umbral„, Ediciones B, Barcelona, 1992, S. 192]. Er sagte ihnen auch rechtzeitig: „Macht es nicht wie die Jesuiten, die die Spuren des heiligen Ignatius zerstört haben. „ [Moncada, Alberto, „Historia oral des Opus Dei„, Plaza & Janés, Barcelona, 1987, S. 22].

Als eine weitere Dimension des idolatrischen Kults um den Gründer ließ Escrivá, damit auch seine Familie in die Verehrung einbezogen sei, Fotos in den Häusern des Opus Dei verteilen, so wie er es schon mit seinen eigenen gemacht hatte. [Badules, Rosario, Zeugnis, en Varios Autores, Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?, S. 22]. Daraufhin gab es Fotos der Großeltern und von Tante Carmen, das heißt, von den Eltern und der Schwester Escrivás, in allen Häusern des Opus Dei. Die Fotografie der Großmutter stammte von einem Ölgemälde, das nach einem alten Foto der Mutter Escrivás angefertigt worden war, auf der sie ein einfaches schwarzes Kleid trug. Auf dem Bild der Großmutter des Opus Dei aber erschien sie vorteilhafter, denn der Maler hatte dem Bild einen weißen Hermelinkragen hinzugefügt. [Tapia, María del Carmen, S. 463]. Dabei muss man aber wissen, dass kein Mitglied des Opus Dei in seinem Zimmer Fotos seiner natürlichen Familie aufstellen darf, nur die der Familie Escrivá, die an der Spitze der über­natürlichen Familie des Opus Dei steht. Der Personenkult, den der Gründer anordnete, wurde jeden Tag und durch tausend Dinge und Details gelebt, die Gestalt des Vaters und seiner Familie war in jedem Winkel der Häuser des Opus Dei und im Bewusstsein seiner Jünger gegenwärtig.

Geschmack und Gewohnheiten Escrivá waren bis in die winzigsten Details verbindich. So musste beispielsweise am Freitag vor der Karwoche als Gewohnheit in allen  Häusern eine Süßspeise aus Spinat gemacht werden, die Escrivás Mutter ihm als Kind gemacht hatte und die Crispillos hießen. Am Namenstag der Großmutter des Opus Dei, dem Schmerzensfreitag, wurde diese hausgemachte Nachspeise zur Hauptspeise in allen Häusern des Werks. [Tapia, María del Carmen, ob. cit., S. 464]. Eine andere Süßspeise, die innerhalb des Opus Dei verbreitet ist, waren Ölkuchen, vor allem von der Marke Inés Rosales, weil sie dem Gründer des Opus Dei sehr schmeckten.

Escrivá selbst sagte einem seiner engsten Mitarbeiter, er solle dem Generalkongress vorschlagen, den Männern wie den Frauen, dass man den Vater in Zukunft so grüßen solle: ein Knie am Boden, und mit einem Handkuss. Es durfte nicht weniger sein als bei anderen Hierarchen, seine hervorragende Rolle musste herausgestellt werden. Der Vorschlag wurde einstimmig und mit einem großen Applaus angenommen.. [Badules, Rosario, Zeugnis, In: Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo? Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 22].

Während seines ganzen langen Aufenthalts in Rom ging Escrivá niemals zu Begegnungen, bei denen nicht von vornherein klar war, dass er die Hauptperson sein würde. Deshalb ging er kaum irgendwohin. Niemals ging er zu einem Begräbnis eines Kardinals oder irgendeiner anderen Persönlichkeit, sei es der Kirche oder einer anderen.  Er empfing nur zuhause, pflegte man im Opus Dei zu argumentieren. [Moreno, María Angustias, El Opus Dei. „Entresijos de un proceso“, Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1993, S. 63]. Aber eines Abends Ende der vierziger Jahre lud der damalige spanische Botschafter beim Vatikan, der Christdemokrat Ruiz Giménez, Escrivá zu einem Empfang in die Spanische Botschaft ein; so erzählt Antonio Pérez.  Bei der Begegnung begrüßte er ihn mit einem einfachen  „Wie geht es Ihnen, Vater Escrivá?” Der Gründer des Werks drehte sich unvermittelt um und ging. Dann erklärte sein Stellvertreter, Alvaro Portillo, dass das nicht die Art war, wie man mit ihm umgehen durfte: Der Botschafter Ruiz Giménez hätte entweder Vater  oder Monsignore Escrivá sagen können, aber nicht „Vater Escrivá”:. [Pérez Tenessa, Antonio, Zeugnis, En Moncada, Alberto: „Historia oral des Opus Dei„, Plaza &: Janés, Barcelona, 1987, S. 63].

Der ehemalige Generalsekretär des Opus Dei, Antonio Pérez, erzählt auch, dass „Escrivá dachte, dass er als Gründer des Opus Dei müsste er gegenüber seinen Kindern ein größeres Charisma und mehr Bedeutung als Bischöfe, Kardinäle und sogar der Papst hätte. Deshalb entwarf er eine eigenartige Gesetzgebung für den Fall, dass einmal Persönlichkeiten des Werkes einen Rang in der Kirche einnehmen sollten. Während Ordensleute es respektieren, wenn einer der ihren Bischof wird oder sonst ein kirchliches Amt übernimmt, tilgt umgekehrt das Opus die persönliche Freiheit und betont die Unterordnung unter den Vater. Ich erinnere mich, dass einmal Lucho Sánchez Moreno nach Rom gekommen war, ein peruanischer Numerarier, der im Generalsekretariat gearbeitet hatte und dann zum Bischof ernannt worden war; als ich ihn sah, ging ich hin, begrüßte ihn und küsste ihm den Bischofsring. Dem Vater gefiel das gar nicht, denn „zuhause küsst an nur dem Vater die Hand“.  “. [Pérez Tenessa, Antonio, Zeugnis, S. 29].

Entgegen späteren Dementis hatte Escrivá eine maßlose Leidenschaft nach allem, was Luxus und Reichtum dieser Welt bedeutet. Die Häuser des Opus Dei und vor allem der Zentralsitz in Rom, wo Escrivá lebte, füllten sich mit wertvollen Antiquitäten. Er zeigte uns die Bibliothek des Hauses in Rom und sagte: - Dieser Boden ist aus Onyx. Damit schmücken die Damen ihre Ringe.“ [Badules, Rosario, Zeugnis. In:„Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?, S. 25]. An der Türe eines Innenhofs im  Zentralsitz in Rom hinterließ Escrivá, zusammen mit seinem Stellvertreter Álvaro Portillo, seine Fußspuren in Zement, als Hinweis an die Mitglieder des Opus Dei, sie müssten seinen Spuren im Leben folgen, die Zeichen des Willens Gottes seien.

„Ihm gefielen teure Gegenstände, teure Restaurants  und alles Gediegene“, bekannte eine der Numerarierinnen, die er zu seinen Diensten hatte. Er kaprizierte sich auf die teuersten Dinge, die er auf seinen Reisen sah, und die Mitglieder des Opus Dei hatten keine andere Wahl als sie ihm zu schenken. Vor allem hatte er eine Schwäche für Reposteros, sehr dekorative rechteckige Banner mit  Wappen, die er in allen Vestibülen und Gängen der Zentren und Häuser des Opus Dei anbringen ließ. Rosario Badules  erzählt (vgl. ihr Zeugnis in dem Buch Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo? S. 25), dass er bei einer Gelegenheit in Sevilla war und im Speisesaal des Studentenheims der Männer aß. Weil der Speisesaal sehr groß war, wurde er durch zwei Wandschirme abgetrennt, die einer adeligen andalusischen Familie gehörten. Als Escrivá die Wandschirme sah, hörte die Numerarierin, die in der Küche sein Essen zu bereitete, wie er sagte: — Diese Wandschirme sind für Rom. Da die Besitzer sie nicht herschenken konnten, weil sie zum unveräußerlichen Erbe der Familie gehörten, spendeten sie viel Geld, sodass zumindest gleichwertige angeschafft werden konnten.

Etwas Ähnliches geschah in Madrid mit einem historischen Gobelin. Er gefiel ihm auch sehr – so erzählte Rosario Badules — und sagte dann den  Mitgliedern des Opus Dei, dass sie darum bitten sollten. Er konnte es nicht bekommen, weil er zum unveräußerlichen Fideikommiss einer Familie gehörte. Sie waren also bei einem Antiquar und kauften einen ähnlichen Gobelin – der in den sechziger Jahren eine Million Pesetas kostete. Als er nach Rom kam, ließ er den Gobelin aufhängen, rief einige Mitglieder des Opus Dei und sagte ihnen: „Seht, meine Söhne. Das sind die Geschenke, die mir meine Töchter machen. Lernt daraus.“ [Badules, Rosario, Testimonio, en Varios Autores, S. 25].

Einmal ließ er eine silberne Terrine, wunderbare italienische Juweliersarbeit, kaufen und sagte: „Das ist für den Fall, dass die Kardinäle kommen, damit ihnen der Mund offen stehenbleibt und sie sagen: Aaaah!“ Ein anderes Mal wollte er eine Sammlung alter Goldmünzen aus der Zeit Karls III. die so genannten Peluconas, und er bekam sie auch, wie immer, dank der die reichen Supernumerarierinnen des Opus Dei. Das Gleiche war mit einer Sammlung alter Fächer, die er für eine Vitrine im Zentralhaus in Rom haben wollte. Ein anderes Mal, als er Juwelen haben wollte, bekam er einen sehr großen Smaragd „damit er unter der Schale eines Kelchs verborgen ist und nur Gott ihn sieht“, obwohl er dann in der Sakristei mit indirektem Licht angestrahlt wurde, damit jeder ihn sehen konnte. [Badules, Rosario, Zeugnis, S. 25-26].

Wegen seines zarten Gesundheitszustandes hatte der Gründer eine ganz besondere Diät und aß fast immer „allein“, das heißt, zusammen mit seinem Stellvertreter Alvaro Portillo, und auch mit Javier Echevarría, und eine treue Dienerin bediente ihn beim Essen. Diente diese Isolierung nicht vielmehr dazu, seine Erhabenheit auszudrücken? Sicher ist, dass ihm über Jahre hinweg immer dieselbe Auxiliarin das Zimmer reinigte, der Tisch wurde ihm immer von demselben Fräulein gedeckt, mit Häubchen, weißer Schürze und schwarzer Uniform, einer anderen Auxiliarin. Und nach dem Zeugnis von María Angustias Moreno waren um Escrivá noch zwei weitere Numerarierinnen, durch ihre Universitätsstudien hinreichend qualifiziert, um seine Mahlzeiten auszuwählen und zu überwachen, für seine Wäsche und die Sauberkeit seiner Zimmer zu achten und ihm die Paramente in der Kapelle vorzubereiten.. [Moreno, María Angustias, S. 63]. Diese beiden besonders sorgfältig ausgewählten Numerarierinnen bereiteten ihm mit großer Sorgfalt das Essen und begleiteten ihn auch auf Reisen, sie deckten ihm den Tisch mit Dosen von französischen Pasteten und Blumen sowie anderen erlesenen Lebensmitteln. [Badules, Rosario, Zeugnis, In:  Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo? Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 26]. Der Geschmack Escrivás lässt sich allerdings, wenn man ihn mit einem Wort zusammenfassen will, das in Spanien volkstümlich ist, mit dem eines Neureichen bezeichnen.

Wenn in Rom ein Kardinal zum Essen eingeladen war, mussten die Auxiliarinnen zuerst Escrivá servieren, oder zumindest zu zweit gleichzeitig ihm und dem Kardinal. Zum Schein aß er wenig, aber er verlangte, dass der Tisch perfekt gedeckt war und dass tadellos serviert wurde. Er stellte auch höchste Anforderungen an die kulinarische Qualität, und einmal ließ er sich eine Tortilla insgesamt siebenmal zubereiten, bevor sie nach seinem Geschmack war [„Cambio 16“, Madrid, 16. März 1992, siehe auch  „Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?“, S. 255].

Wenn er nach Spanien kam, gab es in den Häusern, wo man mit seinem Besuch rechnete, eine Kiste mit frischen Orangen, falls er Saft verlangen sollte  Zwei Numerarierinnen bereiteten sein Essen mit größter Sorgfalt zu und begleiteten ihn durch das ganze Land, und sie nahmen Konserven mit Pasteten, Blumen für den Tisch etc. mit.. [Badules, Rosario, Zeugnis, S. 26]. Einmal, in Lissabon, bildete er sich ein, dass er eine Languste essen wollte. Merkwürdigerweise gab es an diesem Tag keine auf dem Markt. Er war so wütend, dass er nichts anderes essen wollte, und erregte sich darüber, dass die anderen aßen. Er erzählt auch, dass ihm die Mitglieder des Opus Dei am 6. Januar in den Roscón, den traditionellen Dreikönigskuchen, statt der sonst üblichen Glücksbringer Goldmünzen steckten, Peluconas, weil sie wussten, dass es ihm eine enorme Befriedigung verschaffte, wenn er sie fand. [Carandell, Luis, „La otra cara del Beato Escrivá“, Zeitschrift Cambio 16, Madrid, März 1992].

„Wenn der Vater nach Spanien kam, war die Verschwendung unglaublich; wenn es um ihn ging, schaute man nicht auf das Geld, denn Vater gibt es nur einen, sagte man. Ich kenne eine Person, die drauf und dran war das Werk zu verlassen, als sie auf einer seiner Reisen drei Tage lang einen Hecht für ihn suchte. Eines Tages sagte der Vater: Wenn ihr schlau wärt, würdet ihr mir den teuren Wein in ein Wasserglas geben, damit ich es nicht merke“. Aber diese Numerarierin fügt hinzu: „Ich habe die teuerste Dinge in Madrid gekauft, um sie nach Rom, zu schicken, Früchte außerhalb der Saison, süße Mandeln, die es nur in einem bestimmten Geschäft zu kaufen gibt. All das wurde nach Rom geschickt, damit es der Vater in den Tertulias hergibt. Ein anderes Mal hatten seine Neffen Erstkommunion in Molinoviejo. Dort verwandelte sich alles in einen Blumengarten; und sie kamen nicht einmal aus Segovia, das in der Nähe ist, sondern von Burguiñón, dem teuersten Geschäft Madrids. Und in der Speisekammer gab es alle Arten von Süßig­keiten, damit sich die Neffen nehmen konnten, worauf sie Lust hatten”.“ [Ortiz de las Heras, Blanca Zeugnis, S. 75].

Escrivá trug elegante Soutanen aus Seide und Schurwolle, das Haar mit Festiger zurückgekämmt, und nicht zu vergessen die auffälligen goldenen Manschettenknöpfe, die sich prächtig von den weißen Hemden mit Kragen und Manschette abhob. Escrivá zeigte sich völlig als Spanier, mit einem Fluch auf den Lippen und gänzenden Schuhen.

Nach den zusammengetragenen Zeugnissen brachte im Zentralhaus in Rom jeden Morgen eine Auxiliarin mit Häubchen die Post in das Zimmer des Präsidenten, indem der Monsignore früh­stückte, und legte kniend ein Silbertablett mit wichtiger vorsortierter Post auf den Tisch. Die bemerkenswerteste Feinheit war zweifellos, dass sich bei der Post eine Schere und ein Brieföffner befanden, sodass der Vater wählen konnte, womit er an diesem Tag die Post öffnen wollte. [Carandell, Luis, „Vida und milagros de monseñor Escrivá de Balaguer, Deriva, Madrid, 1992, S. 97].

Bei verschiedenen Gelegenheiten wurden während der sechziger Jahre Escrivá in Spanien Auszeichnungen zuteil, die Kreuze des hl. Raimundo von Peñafort, von Alfons X. dem Weisen, von Isabella der Katholischen, den Wohltätigkeits- und den Königsorden sowie den höchst distinguierten Orden von Karl III. Als ihm die spanische Regierung, unter ihnen aktive Mitglieder des Opus Dei, das Großkreuz Karls III. verlieh, verlangten seine Jünger in Spanien, dass es in Gold einzufassen sei. Der Gründer warf sie hochkant hinaus und verlangte ein Großkreuz mit Brillanten. [Carandell, Luis, „Vida und milagros de monseñor Escrivá de Balaguer“, Deriva, Madrid, 1992, S. 97]. Für seine Anhänger konnte es nie zuviel Auszeichnungen und Anerkenungen für ihn geben, aber diese Erhebung mit Ehrennamen und Auszeichnungen für Escrivá beschränkte sich nicht auf die Mitglieder des Opus Dei, sie war auch bei den Spitzen der spanischen Gesellschaft während der Diktatur Francos verbreitet.

Wie jeder Despot, der den Oberbefehl führt, wurde auch Escrivá von unzeitiger schlechter Laune und Wutanfällen heimgesucht, die er nicht beherrschte. Als das Werk begann, erzählt eines der ersten Mitglieder des Opus Dei, „kein wichtiges Fest im Opus gab, das er nicht zerstörte, sei es der Heilige Abend oder sonst etwas. Er wurde plötzlich wütend, wir wussten nicht warum, und er zog sich auf sein Zimmer zurück und ließ uns verdattert herumsitzen. Das war bei ihm etwas ganz Gewöhnliches. Wir wussten nie, wie er auf etwas reagieren würde, und er gab auch keine Erklärungen. Ich dachte, er glaubte vielleicht, er müsse aus asketischen Gründen so handeln.“. [Fisac, Miguel, S. 61]. Manchmal war es eine Frucht, die ihm nicht schmeckte, oder  die Tagesmahlzeit war nicht in seinem Sinn gekocht. Laut María del Carmen Tapia war einer der heiklen Punkte für seine Wutanfälle die Küche, auch wenn er sich über andere Dinge verletzend äußern konnte, z. B. über die Dekoration. Bei einer bemerkenswerten Gelegenheit, die Luis Carandell in seiner Biographie über Escrivá erzählt (Madrid 1992), weihte der Gründer des Opus Dei ein Zentrum der Weiblichen Abteilung ein, das als Hauswirtschaftsschule dienen sollte, und sagte: „Monsignore ist ein sehr anspruchsvoller Mann in Fragen des Geschmacks der Dekoration, und wenn er in ein Zimmer tritt und beispielsweise ein schief aufgehängtes Bild sieht, bringt ihn sein Ordnungssinn dazu vom Sessel aufzustehen, auf dem er sitzt, und persönlich das Bild in die richtige Position zu bringen“. An dem Tag gefiel ihm die Dekoration des Lokals nicht, an dessen Eröffnung er teilnehmen sollte, und er geriet in schlechte Laune. Je mehr sie ihn zu beruhigten versuchten und ihm versicherten, seine Töchter würden die gewünschten Änderungen durch­führen, umso nervöser wurde er, und es kam der Moment, an dem er an eine Tür trat und sagte: „Diese Zierleiste ist eine Schweinerei“, und er ergriff ein Ende der Zierleiste, zog daran und riss sie aus. Dann machte er dasselbe mit den anderen Zierleisten derselben Tür und der Fenster in der Nähe. Die Töchter des Monsignore traten in Aktion, und bei der Kraft der Nachahmung, die der Vater im Werk auslöste, fühlten sie sich gedrängt, den Vandalenakt  mitzumachen, den der Monsignore hier begann. Die Szene war apokalyptisch, denn – so wird berichtet – die 20 oder 25 Personen, die in diesem Raum anwesend waren, machten sich daran, das Zerstörungswerk zu beenden, das der begonnen hatte, der alles im Opus Dei begonnen hatte” (S. 153-154). Der Erfolg sprach für sich. Aber das war kein Einzelfall: Etwas Ähnliches ereignete sich in La Estila, als er Lampen aus der Wand riss, die die Form von Fackeln hatten, die den Gang erhellten, weil sie ihm nicht gefielen. [Carandell, Luis, „Vida und milagros de monseñor Escrivá de Balaguer„, Deriva, Madrid, 1992, S. 153-154].

Es gibt keine Größe in dem Kapitel, das den Gründer aus der Nähe beschreibt. Vielleicht hat kein anderer Mann in der Katholischen Kirche der Gegenwart eine so willkürliche unbegrenzte Macht genossen wie Escrivá. Was beim Gründer des Opus Dei am meisten überrascht, einem besseren Dorfpfarrer, ehrgeizig und knauserig, ist sein vulgärer Geschmack, der triviale Maßstab seiner Neigungen und Gewohnheiten, die er verbergen konnte, indem er Geriebenheit mit Wichtigtuerei kombinierte, unter der Patina eines Geistes, der er sich immer angelegen sein ließ, seine Raffinesse zu zeigen. Deshalb ist es auch für die Mitglieder des Opus Dei wichtig, das Bild einer guten Erziehung zu bieten, guten Geschmack und Nonchalance im Umgang, damit es zur Pose des Gründers passt.

Es gibt zahllose Zeugnisse uind Dokumente, die das Bild eines großartigen Geistes und den vollendeten Manieren des Gründers zerstören. Escrivá zeigte im Alltag eine Haltung, die von seiner angeblichen Heiligkeit weit entfernt war, obwohl die offiziellen Hagiografen anders beteuern.

Eine ehemalige Numerarierin und Sekretärin Escrivás erzählt, dass er seine engste Umgebung tyrannisierte. Einmal sagte er aus einem offenen Fenster, das in einen Garten des Zentralsitzes in Rom ging, zu einer Gruppe Numerarier unter viel Gelächter: „Trinkt den Cognac, den ich euch gegeben habe, aber macht es nicht wie Msgr. Galindo, mein Landsmann, der sich das Glas im Hosenschlitz wärmte.“ Sein Adjutant Álvaro Portillo versuchte Escrivá darauf aufmerksam zu machen, dass eine Gruppe Frauen in der Nähe stand, Mitglieder des Opus Dei, die alles  gehört hatten, was er sagte, und als der Gründer das merkte, schlug er das Fenster mit einer seiner charakterstischen Gesten zu und sagte: „Meine Töchter, Gott segne euch“. [Tapia, María del Carmen, S. 467]. Escrivá bot manchmal das Bild einer doppelten Persönlichkeit: Auf der einen Seite präsentierte er sich als der vollkommene Priester, vorbildlich und rein, und manchmal erschien er derangiert in der Öffentlichkeit, mit einer schmutzigen Soutane.

Angesichts der Gefahr, die die Auslieferung von Betrügern bedeutet, sollte sich die ultrakonservative Welt, die Mythen so sehr liebt, beim Auftreten selbsternannter großer Gestalten wie der Escrivás ein volkstümliches Sprichwort mit kulinarischen Wurzeln vor Augen halten: „Die Hand, die den Deckel hebt, war noch nie schuld am Dampf, der aus dem Topf steigt“. Und da der Gründer des Opus Dei gerne die Phrase wiederholte, „eine Familie und nur ein Kochtopf“, verwendet auch der Autor diese gastronomische Metapher, denn im Fall des Gründers des Opus Dei riecht der Braten nach Fisch.

Es scheint klar zu sein, dass die Mitgliederdes Opus Dei in der spanischen Nachkriegstzeit unter der Leitung Escrivás konzertiert zusammenarbeiteten und einen politischen Apparat formten, der auf dem Weg zur Macht war. Als hervorragende politische Kraft wurde man sich im Opus Dei dessen bewusst, dass man außer mit Franco auf alle Fälle mit dem Thronprätendenten Spaniens, Juan de Borbón, zu rechnen hatte. Bei der Operation, die den politischen Ausstieg des Regimes Francos bedeutete, nachher vom  führenden  Mitglied des Werkes, López Rodó, „der lange Marsch in Richtung Monarchie“ genannt, mussten die Mitglieder des Opus Dei auf zwei, drei oder vier Tischen der spanischen Innenpolitik Billard spielen, nach ihren Interessen und wie es im Moment nützlich schien.

Nachdem das Nachfolgegesetz von 1947 promulgiert worden war, das Spanien in eine Monarchie verwandelte, hatte der Dictator Franco eine politische Strategie entwickelt, deren Ziel die Erziehung des Prinzen Juan Carlos de Borbón war. So verdeckte der persönliche Kampf Francos gegen den Erben von König Alfons XIII., den Thronprätendenten Juan de Borbón, eine zweite Operation: die Sicherung der Thronfolge für seinen Sohn Juan Carlos, denn das befürwortete sowohl die Regierung in Madrid wie die Gegenregierung in Estoril, wobei die Mitglieder des Opus Dei das Zünglein an der Waage bildeten. Deshalb wurde eine salomonische Entscheidung über die Erziehung des Prinzen Juan Carlos getroffen, die in Spanien unter der Diktatur stattfinden sollte, aber durch die Personen, die sein Vater Juan de Borbón bezeichnete. Das Opus Dei, das auf der Hut war, brachte in das Erzieherteam für den Prinzen einige Numerarier. Escrivá war ein überzeugter Anhänger Francos, aber er war ebenso ein deklarierter Monarchist und wollte, dass nach Franco die Diktatur fortgesetzt würde, am besten unter einem Bourbonen. Ende der sechziger Jahre entscheid sich der Gründer des Opus Dei, einen Adelstitel anzunehmen, so als wäre das seine persönliche Vorbereitung auf die künftige spanische Monarchie.

Seit 1947, als Franco wieder begann Spanien in eine Monarchie zu verwandeln, erschienen in der Gesellschaft wieder die Adelstitel, und sie wurden gesetzlich anerkannt. Kaum verging seither ein Tag, an dem nicht das amtliche Boletín Oficial del Estado eine Nachricht über Erbfolgen oder Wiedereinsetzungen in den Adelsstand brachte, die nur von den betroffenen und den wenigen Experten der genealogisschen Wissenschaften in Spanien gelesen wurden. Trotzdem publizierte am 25. Januar 1968 das Staatliche Amtsblatt auf S. 1.088 einen Antrag auf die Wiederverleihung eines Adelstitels, über die einige tausend Spanier entzückt waren. Darin stand Folgendes: „Justizministerium: Don Josemaría Escrivá de Balaguer und Albás hat um die Wiedereinsetzung in den Titel eines Marquis angesucht, die am 12. Februar 1718 vom Erzherzog Karl von Österreich Herrn Tomás de Peralta verliehen wurde, und in Erfüllung der des Art. 4 des Dekrets vom 4. Juli 1948 war  eine Frist von drei Monaten ab der Veröfentlichung dieses Edikts eingeräumt, innerhalb der Einspruch erheben konnte, wer sonst auf den Titel ein Anrecht zu haben glaubte. Madrid, 24. Jauar 1968. Der Unterstaatssekretär Alfredo López“. In der Folge stand in demselben Blatt, Santiago Escrivá de Balaguer und Albás habe gleichfalls um die Wiedereinsetzung in die Baronie von San Felipe angesucht. Abgesehen von einigen hämischen Neidern waren die Tausenden Spanier, die sich über die erneute Zuerkennung des Titels freuten, Mitglieder des Opus Dei: Josemaría Escrivá war ihr Gründer und erster Generalpräsident, und Santiago dessen jüngerer Bruder.

Das Datum, Anfang 1968, scheint sorgfältig ausgewählt zu sein, als die Bedingungen für das Opus Dei günstig waren, sich endgültig in die Frage nach der politischen Nachfolge Francos einzuschalten. Fraga Iribarne, damals Informationsminister, notierte in sein Tagebuch die folgenden Notizen: „Geboren wurde als männliches Kind des Kronprinzenpaars Don Felipe, nunmehr Prinz von Asturien. Msgr. Escrivá, Gründer des Opus Dei, beanspruchte zur allgemeinen Überraschung den Titel eines Marquis. Katastrophe in Vietnam.“

Nach der Promulgieung des neuen kanonischen Gesetzes über Säkularinstitute durch den Vatikan und der Verleihung des „Decretum laudis“ an das Opus Dei als erstes Säkularinstitut im Februar 1947 dürfte sich Escrivá unwohl gefühlt haben, dass er so ganz ohne Titel an der Spitze eines funkelnagelneuen Säkularinstitutes stand, und zwei Monate später, am 22. April 1947, schaffte er die Ernennung zum Hausprälaten Seiner Heiligkeit, ein Ehrenamt, das ihm die Berechtigung gab, mit „Monsignore“ angesprochen zu werden. Dennoch meinte er, dass ihm angesichts der ins Haus stehenden Monarchie ein Adelstitel fehlte. Escrivá suchte deshalb in Madrid um die Wiederverleihung des Titels eines Marquis de Peralta an, und der Adelstitel wurde ihm am 3. August 1968 verliehen, sechs Monate nach dem Einreichen des Antrags. So wurde der Gründer des Opus Dei, den die Kirche bereits 1947 „geadelt“ hatte, auch durch den spanischen Staat ein Aristokrat: Der Monsignore ist auch Marquis geworden.

Schon seit Jahren strebte Escrivá nach einem Adelstitel, zuerst nach einem päpstlichen, und als das nicht anging, auf einem anderen, wohl durchdachten Weg. Es ging darum, dass jemand für ihn den Antrag stellte, und dass gleichzeitig zwei weitere begüterte spanische Mitglieder des Opus Dei zwei andere päpstliche Adelstitel beantragten und für alle drei bezahlten, „um dem Werk nicht zur Last zu fallen“. Der Vatikan verlieh damals keine Adelstitel mehr, deshalb versuchte man es in Spanien auf zivilem Weg, und das schien erfolgversprechender zu sein, wenn man an den Einfluss und die Mittel denkt, über die das Opus Dei in Spanien verfügt. [Moreno, María Angustias, „El Opus Dei. Entresijos de un proceso“, Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 254]. Unter den Personen, die für die Erlangung des Titels Marquis de Peralta intervenierten, stand an erster Stelle Álvaro Portillo, Adjutant Escrivás und Generalsekretär des Opus Dei mit Wohnsitz in Rom, der damit beauftragt war, Beweise über die Heiligkeit und die adelige Herkunft des Gründers zu sammeln. In Rom pries Escrivá in seinem Adelswahn seinen Adjutanten Álvaro Portillo, zu dem er häufig mit lauter Stimme sagte: „Álvaro del Portillo! Grande von Spanien, ich weiß nicht wievielmal! „. [Ynfante, Jesús, „Opus Dei“, Grijalbo-Mondadori, Barcelona, 1996, S. 454]. Portillo Er war wie ein matter Abklatsch, ein diskretes „alter ego“, aber ohne die Brillanz und Redegewandtheit, die Escrivá auszeichneten. Dann, in Madrid, intervenierte auch Alfredo López, Supernumerarier des Opus Dei, Unterstaatssekretär im Justizministerium, in direkter Form für die Gewährung des Titel eines Marquis de Peralta. Und dann schaltete sich noch ein Profi bei solchen Bemühungen um die Wiederverleihung ein, Adolfo Castillo Genzor aus Saragossa. Für seine Handreichungen pflegte zwischen ein und drei Millionen Peseten zu kassieren, für Escrivá tat er es umsonst, weil es eine Werbung für ihn war. 1987, kurz vor seinem Tod, sah sich Castillo Genzor in einen Skandal wegen der betrügerischen Verleihung von Adelstiteln verwickelt. Titel zu fäschen war damals ein einträglicher und weit verbreiteter Sport in Spanien. [Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?. Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 254].

Die Wiederverleihung ist die Erlaubnis, einen erloschenen Adelstitel neu anzunehmen, ohne dass der rehabilitierte ein direkter Abkömmling des Adeligen oder Geadelten gewesen sein muss, der ihn besessen hatte. Der Antragsteller hatte nur rein theoretisch seine Abstammung nachzuweisen. Das heißt, der Titel konnte von jemandem gekauft werden, der gar nichts mit dem früheren Träger zu tun gehabt hatte, und das war der Fall beim Gründer des Opus Dei.

Escrivá erlangte den Titel, aber einige fragten sich, was er damit anstellen wollte. Dass für seinen Bruder Santiago zugleich die Wiederverleihung der Baronie von San Felipe betrieben wurde, schien auszuschließen, dass man sich in der Familie die Verdienste des Gründers des Opus Dei zunutze machen und den Titel an den Bruder abtreten wollte. Der Titel eines Marquis diente Josemaría Escrivá zu Befriedigung seines ungeheuren Ehrgeizes und um endlich vergessen zu lassen, dass er der Sohn eines bankrotten Kaufmanns aus Barbastro war.

Laut einem der Hagiografen wollte der Gründer die Neuverleihung der Adelstitel, die zu einem Zweig der Familie gehört hätten, „aus kindlicher Pietät und um der Gerechtigkeit willen“. [Vázquez de Prada, Andrés, „El fundador del Opus Dei“, Rialp, Madrid, 1984, S. 348]. Und nach einem anderen seiner Hagiografen war der Titel eines Marquis de Peralta 1718 „einem Vorfahren seiner Mutter“ verliehen worden. [Gondrand, Francois, „Al paso de Dios“, Rialp, Madrid, 1985, S. 251]. Diese Verbindung mit den Vorfahren der Mutter war nötig, denn bei der Wiederverleihung des Adelstitels musste Escrivá irgendeine Abstammungslinie nach dem ersten Marquis von Peralta vorweisen, und wenn sie auch nur eingebildet war. Es war symptomatisch, dass die Verbindung zum Adel über die Mutter- und nicht über die Vaterseite lief.

Politische Bobachter meinten damal, dass Escrivá den Adelstitel für eine politische Machination nutzen wollte. Die Operation könnte in der Machtübernahme und der konsequenten Unter­wanderung des Souveränen Malteser-Ritterordens durch adelige Mitglieder“ des Opus Dei bestanden haben. Seit 1964 zeigte sich die Leitung des Ordens über entsprechende Sondierungs­versuche durch Mitglieder des Opus Dei in Rom und in Madrid höchst beunruhigt. Der Souveräne Ritterorden vom Hl. Johannes in Jerusalem, auch genannt die Malteser, ist nach wie vor der einzige Ritterorden, der ein juristisches Statut besitzt, das im internationalen Recht einem souveränen Staat entspricht, auch wenn er kein Territorium hat; er stellt Pässe an seine Mitglieder aus und unterhält zugleich diplomatische Beziehungen mit dem Vatikan, Spanien, Senegal und einigen anderen Staaten.

Am wahrscheinlichsten ist aber dennoch, dass er bei der zu erwartender Staatsform der Monarchie für Spanien hilfreich sein sollte. Der Adelstitel war nach allen Richtungen sorgsam ausgewählt worde; er war seinerzeit von Erzherzog Karl von Österreich [später Kaiser Karl VI. und Vater Maria Theresias] verliehen, aber auch von Philipp V. anerkann worden, dem ersten spanischen König aus der Dynastie der Bourbonen. So kompromittierte sich Escrivá weder gegenüber den Bourbonen noch den mit ihnen konkurrierenden Karlisten. Mit dem Manöver, diesen Titel zu kaufen, vewandelte sich Escrivá in ein (wenn auch dahergelaufenes) Mitglied der spanischen Aristokratie und dienerte sich vor allem den Karlisten an, denn der Marquis de Peralta war ein Parteigänger der Habsburger gewesen und hatte im Spanischen Erbfolgekrieg die Bourbonen bekämpft. Man darf auch nicht vergessen, dass das Opus Dei schon seine Universität in Pamplona errichtet hatte, in der traditionell karlistischen Hochburg Navarra. Mit dem Adelstitel suchte Escrivá die Achtung der monarchistischen Parteigänger der Familie Borbón, seien sie nun Anhänger von Juan de Borbón oder des Sohnes von Prinz Juan Carlos. Es war klar, dass der Marquis de Peralta eine wichtige Rolle in der Monarchie spielen wollte, die seit 1947, also seit über 20 Jahren, in Spanien vorbereitet wurde, durch die Gespräche des Gründers des Opus Dei mit dem Vater des Prätendenten in Estoril und mit Carlos Hugo, dem karlistischen Prätendeten, im Mai 1967, dazu die direkten Kontakte, die er mit General Franco und Admiral Carrero Blanco unterhielt, der eigentlich die Fäden in der Hand hielt, nicht zu vergessen die Einflussnahme, die die Erziehung des Prinzen Juan Carlos bedeutete.

Man kann damit rechnen, dass die politisch-aristokratische Operation des Gründers des Opus Dei über eine Million Peseten gekostet haben dürfte. Zur einfachen Wiederverleihung des Titels eines Marquis in Spanien, die 175.000 Pesetas kostete, sind noch zusätzliche Kosten hinzuzufügen, für heral­dische Nachforschungen, Bestätigungen und Notariatsakte. In Spanien war eine Million Pe­seten damals eine Menge Geld, auch wenn die Laune Escrivás eine Bagatelle für das Werk war. Das Außerordentliche an dem Fall war, dass diese politische Adels-Aktion ihn nichts kostete.

Allein das Faktum, dass er den Titel beantragt hatte, verursachte einen echten Skandal, sogar unter Mitgliedern des Opus Dei, trotz der Bemühungen, die Entscheidung zu rechtfertigen. [Albás, Carlos, „Opus Dei o Chapuza del Diablo“, Planeta, Barcelona, 1992, S.70.] Die Gewährung des Adelstitels wurde von der öffentlichen Meinung in Spanien so schlecht aufgenommen, dass sich selbst die zensurierte Presse des Falls annahm und den Skandal wiedergab, und es gab mehr als genug sarkastische Kommentare mit antiklerikalem Beigeschmack auf Kosten des neuen Marquis. Die satirische Zeitschrift „La Codorniz“ schlug beispielsweise als Wappen des neuen Marquis einen auf rotem Feld springenden Bischof vor und die Legende: „Denke wie Christus und lebe wie Gott“. Ein Neffe des Gründers des Opus Dei, Carlos Albás Domínguez, und andere Verwandte scherzten über einen solchen Drang nach Vornehmheit und scherzten humoristisch: „Marquis de Peralta, was für eine hochgestochene Scheiße!“ [Albás, Carlos, „Declaraciones“, Diario „El País“, Madrid, 11. Juli 1991].

Das Manöver Escrivá scheiterte heillos. Nach dem Zeugnis eines ehemaligen Mitglieds des Opus Dei „ging es uns älteren Mitgliedern im Werk damals sehr schlecht, als wir zu verstehen und später zu erklären versuchten, warum er sich als Marquis de Peralta anerkennen ließ, wie man im staatlichen Verlautbarungsblatt nachlesen konnte. Er überraschte uns aber überhaupt nicht, denn intern wurde immer im Hinblick auf seine Kindheit von Wohlstand gesprochen, und die finanziellen Schwierigkeiten seiner Eltern, die normal und meiner Ansicht nach auch ehrenvoll waren, blieben im Halbschatten. Er erlaubte, dass sein Geburtshaus in Barbastro niedergerissen und durch ein andres ersetzt wird, das die Landsitze Oberaragoniens nachahmt. Es war nie darum gegangen, das nette, bescheidene Haus in Martínez Campos 4 zu erhalten, obwohl es noch gut in Schuss war, wo er mit seiner Familie entscheidende Jahre verbracht hatte. Im Gegenteil, seine ganze Leidenschaft galt dem alten Palast von Rafal in der Straße Diego de León 14, wo er auf der Hauptstiege ein aristokratisches Repostero anbringen ließ. Und in der Basilika von Torreciudad zeigt das Bild des Hochaltars sieben Schilde mit adeligen Namen“. [Saralegui, Francisco, Zeugnis, In: Moncada, Alberto, „Historia oral des Opus Dei„, Plaza & Janés, Barcelona, 1992, S. 127].

1970, zwei Jahre nachdem er den Adelstitel erhalten hatte, veröffentlichte ich in Paris auf Spanisch das Buch  „La prodigiosa aventura del Opus Dei: génesis und desarrollo de la Santa Mafia“ („Das wundersame Abenteuer des OD, Entstehung und Entwicklung der heiligen Mafia“), das in Frankreich erschien, weil es während der Diktatur in Spanien nicht herausgegeben werden konnte. Ich analysierte darin, welche Auswirkungen die Ernenung zum Marquis für den Gründer des Opus Dei in dieser Zeit hatte und wie der Anschein einer adeligen Herkunft alles war, was Escrivá interessierte. Ein ehemaliger Numerarier des Werks merkte hierüber an: „Als das Buch von Ynfante erschien, war die Reaktion von Vater Escrivá, in einer Schrift niedergelegt, die von den Oberen verbreitet wurde, nur dem Punkt betreffend die Vorfahren zu entgegnen und zu verkünden, dass seine Eltern in allen Vorfahren adelig wären“. [Moncada, Alberto, „El Opus Dei, una interpretación", Índice, Madrid, 1974, S. 127]. Einer seiner ersten Nachfolger versicherte, dass Escrivá „einen schrecklichen Komplex“ seit den Jahren hatte, als sein Vater, ein Textilhändler, Barbastro nach dem Konkurs seines Geschäfts verlassen musste. „Er litt sehr, wenn er sich Aristokraten vorstellte und ihnen antworten musste, dass sein Name nicht Escrivá de Romní, sondern Escrivá y Albás sei. Er war versessen auf seine adeligen Damen und war von dem Problem seiner Herkunft so besessen, dass er keie Ruhe gab, bis er seinen Titel eines Marquis von Peralta hatte“. [El País, Madrid, 28. Juli 1991].

Ab 1972 begann man im Opus Dei offiziell anzumerken, dass Escrivá um den Titel angesucht habe, um seiner Familie all das zu danken was sie für das Werk getan hatten. [Moreno, María Angustias, S. 61]. Tatsächlich lebten aber seine Eltern ebenso wie seine Schwester nicht mehr, und Escrivá war sehr bekümmert, ehe er sich zu dem unwiderruflichen Entschluss durchrang, auf den Titel zugunsten seines einzigen Bruders Santiago zu verzichten. Der Gründer des Opus Dei hätte es sich gewünscht, dass sich sein Bruder mit einer spanischen Aristokratin verheiratet, und er hatte die Direktoren des Werks mobilisiert, um in Madrid eine Braut zu suchen, die seinen Ansprüchen genügte. Es bedeutete für ihn  ein ungeheures Ärgernis und Grund für schreckliche Wutausbrüche, dass er sich in eine Lehrerin aus Saragossa verliebte, die er dann auch heiratete. Escrivá weigerte sich erst, an der Hochzeit teilzunehmen, dann stimmte er nur unter der Be­din­gung zu, dass er im Palast Cogullada nächtigen sollte, so wie General Franco, aber man sollte sagen, dass ihm dies als Persönlichkeit gebühre und dass es nicht auf seinen Wunsch geschehen sei. [Moreno, María Angustias, S. 63]. Vor der Hochzeit trat sein Bruder Santiago in den Orden vom Heiligen Grab ein, damit er in deren Uniform heirate konnte. Man erwarb auch ein Ölgemälde für den Zentralsitz in Rom, das ein Mitglied dieses Ordens zeigte, und fügte das Gesicht Santiagos ein, der so ganz würdig aussah wie ein Professritter des Ritterordens vom Heiligen Grab. [Badules, Rosario, Zeugnis, S. 26].

Escrivá wagte es niemals, den abgestaubten Adelstitel demonstrativ öffentlich zu tragen, und nachdem er vier Jahre als Marquis von Peralta gelebt hatte,ohne damit an eine Öffentlichkeit außerhalb des Opus Dei zu gehen, weil es einen Skandal verursacht hätte, übertrug er ihn diskret am 5. August 1972 seinem Bruder Santiago, für den er damals zugleich die Baronie von San Felipe beantragt hatte. Bevor er den Titel an seinen Bruder weitergab, verwendete ihn Escrivá, und Vladimir Felzman, Priester und erster tschechischer Numerarier des Opus Dei, der den „Weg“ ins Tschechische übersetzte und in dieser Zeit mit dem Gründer zusammenlebte, berichtete, dass es ihn „mit tiefer Befriedigung erfüllte zu entdecken, dass er eine aristokratische Vergangenheit hatte, und „er hatte eine helle Freude daran, sein Wappen zu entwerfen, und wir sprachen darüber, wo man es im zentralhaus aufhängen könne“. [Felzman, Vladimir:  Zeugnis, S. 253]. Nach internen Quellen des Opus Dei bedeutete der Adelstitel für Escrivá einen der größten Triumphe, die er erlangen konnte, vor allem weil er sich auf seine geliebte Heimat bezog.

Im Hinblick auf seine Krankheiten hatte Escrivá ein angeborenes neurologisches Leiden, und mit zwei Jahren hatte er, wie erwähnt, beeits epileptische Anfälle erlitten, und das ist keine einfache Krankheit, sondern eine Störung im Gehirn bzw. der entsprechenden Funktion. Die Epilepsie ist eine Erkrankung des Nervensystems, die durch unkontrollierte neuronale Entladungen in einer oder mehrere Zonen des Gehirns gekennzeichnet ist. Es sind die Neuronen, die die Epilepsie verursachen. Das menschliche Hirn zählt zwischen 60 und 70 Billionen Neuronen, die sich selbst regeln. Wenn dieses System in einem bestimmten Bereich des Hirns ausfallen, beginnen die Neuronen mit einer abnormen Spannung und Geschwindigkeit zu funktionieren, und sie können außerordentliche Wahrnehmungen und Lähmungszustände hervorrufen. Und diese Art des neurologischen Kurzschlusses  könnte der Grund für die unerwarteten Krisen sein, die Escrivá im Verlauf seines Lebens heimsuchten und die manchmal inEkstasen mündeten. Bei den Leiden, die den Gründer des Opus Dei befielen, erschien in der ersten Phase ein Licht, dann eine Lähmung des Körpers, Halluzinationen und am Ende ein Glücksgefühl.

Die Krisen, die Escrivá erlebte, waren oft ungünstig; sie ergriffen seinen ganzen Körper und waren, neben anderen Symptomen, von Gedächtnisverlust und Halluzinationen begleitet. Trotz­dem waren diese epileptischen Anfälle, die Escrivá erlitt, nicht häufig und wurden über die Jahre nicht schlimmer. Die Epilepsie, die sich schon in der frühen Kindheit angekündigt hatte, wies einige Symptome auf, die es erlaubten sie als leicht zu qualifizieren, eine Form, die die Experten Glückskrise nennen. Es handelt sich um eine Epilepsie, die sich von der verbreiteteren unterscheidet, die sich in Verlust des Bewusstseins zeigt, Zuckungen und Bisse in die Zunge. Im alten Griechenland nannte man sie die heilige Krankheit, weil man ihr einen göttlichen Ursprung zuschrieb, auch wenn heute etwa 5 Promille der spanischen Bevölkerung darunter leidet. Freilich glaubten innerhalb des Opus Dei die einfachen Mitglieder die Legende rund um diese Pathologie, die zweifellos einiges Licht auf die wiederholten göttlichen Ekstasen Escrivás werfen könnte, die aber auch unkalkulierbare Risiken in sich trug, und wenn sie öffentlich bekannt würde, könnte dies einen Schatten auf den künstlichen Heiligenschein werfen, der rund um seine Gestalt errichtet war und den Kult um den Gründer begründet hatte. Deshalb war dies eines der bestgehüteten Geheimnisse innerhalb des Opus Dei.

Ein weiteres schweres Leiden Escrivás war eine Diabetes mellitus, eine verheerend Krankheit, die langsam fortschreitet und mit weiteren Anzeichen ins Akutstadium eintreten kann. Diese Krankheit, auch Diabetes Typ I genannt, ist besonders schlimm. Die Patienten müssen sich lebenslang täglich Insulin injizieren und können als Folgen anderen Leiden verfallen, wie etwa der Blindheit. Ein Diabetiker, der aufhört, sich zu den festgesetzten Stunden Isulin zu injizieren, fällt in ein Koma, das je nach dem Grad seiner Erkrankung zwischen drei und vier Tagen dauert, und je nach der Widerstandskraft des Kranken pflegt dann in vielen Fällen der Tod einzutreten.

Da er für den Rest seiner Tage vom Insulin abhängig war, muss man Escrivá als chronisch Kranken ansehen, auch wenn er nicht unter ständigen Schmerzen litt, zumindest bis er 52 Jahre alt war. Vor den Mahlzeiten injizierte ihm sein Stellvertreter Álvaro Portillo das Insulin, aber am 27. April 1954, infolge einer veränderten Medikation mit einer Form von Insulin, das verzögert wirkt, hatte er einen Schock über mehrere Minuten, während derer er sein Bewusstsein verlor; [Vázquez de Prada, Andrés, S. 278] das heißt,  durch die Überempfindlichkeit entstehen schwere Schäden im Organismus. Seit damals hatte er Probleme mit den Augen und den Blutgefäßen und dem peripheren Nervensystem, die der Diabetes verursacht hatte. Die persönliche Lage Escrivás im Hinblick auf seine Gesundheit war offen gesagt katastrophal. Im Zusammenhang mit der Diabetes litt er anBlutungen, Entzündungen, Migräne, Neuralgien und physischer Erschöpfung. Seine Wunden infizierten sich, er fieberte und litt sehr an Durst. Manchmal, als er das Bett hüten musste, stand er auf und fiel wieder zurück. Gelegentlich hatte er eine Infektion im Mund, und die Verdrehung der Zahnwurzeln zwang ihn zum Zahnarzt zu gehen, der ihm eine Extraktion mit den Fingern machte, um eine mögliche tödliche Blutung zu verhindern, denn die Zähne waren locker. [Vázquez de Prada, Andrés, S. 253-254].

Seit 1954 vesichterten andererseits seine engsten Mitarbeiter, dass er geheilt worden sei und nicht mehr vom Insulin abhänge, denn er müsse sich keines mehr injizieren, und auch seine Geschwüre seien verschwunden. Aber das wurde nicht als Wunder verkündet, denn die gesundheitlichen Probleme wurden totgeschwiegen, und die leitenden Mitglieder des Opus Dei waren ent­schlossen, dem Vater die bestmögliche Lebensqualität zu bieten. Mit anderen Worten, die Diabetes mellitus vollzog bei Escrivá ihr zerstörerisches Werk, aber einige der ersten Getreuen, unter ihnen Jiménez Vargas und der Stellvertreter Portillo, errichten eine Mauer des Schweigens, die Escrivá von seiner Umgebung abschirmte, und die seine Fähigkeit, die Organisation zu leiten, drastisch einschränkte, obwohl ihm als einzige Kompensation der Ruhm blieb, heiliger Gründer des Opus Dei zu sein.

Als Diabetiker litt er unter einer Diabetischen Retinopathie mit allmählichem Verlust des peri­pheren Gesichtsfelds und der Nachtsicht. Abgesehen von der beschädigten Netzhaut litt Escrivá an einer Diabetischen Nephropathie und an Geschwüren an den Beinen. Unter solchen Um­ständen beschränkte sich seine Arbeit in den letzten Lebensjahren darauf spazierenzugehen, denn er konnte nicht einmal einige Stunden am Tag arbeiten. Was die Ärzte aber am meisten beun­ruhigte, waren seine häufigen Depressionen. Abgesehen davon litt er an verschiedenen obses­siven Manien, so pflegte Escrivá ganze Tage eingeschlossen zu leben, ohne jemanden zu sehen.

Die Haltung Escrivás gegenüber seinen Leiden war ganz klar, wie er schon zu Beginn der Tätigkeiten des Opus Dei sagte: „Im  Werk können wir uns nicht den Luxus erlauben krank zu sein, und ich pflege den Herrn zu bitten, dass er mich gesund erhält, bis eine halbe Stunde vor meinem Tod. Es gibt viel zu tun, und wir müssen gesund sein, um für Gott arbeiten zu können. Ich müsst deshalb auf euch achten, um alt zu sterben, sehr alt, ausgepresst wie eine Zitrone, indem ihr von jetzt an den Willen des Herrn akzeptiert“. [Vázquez de Prada, Andrés, S. 377].

Die Mauer de Schweigens, die rund um die Krankheiten Escrivás errichtet wurde, zeigte Wirkung und erst nach seinem Tod erhielt einer seiner Hagiografen die Erlaubnis zu schreiben, dass er an Diabetes gelitten hatte, wenn auch nur um mitzuteilen, dass er davon 1954 geheilt worden war. [Vázquez de Prada, Andrés, S. 253-254]. Sogar die Numerarierinnen des Opus Dei, die kamen, um wichtige Aufträge an der Seite Escrivás in Rom zu erfüllen, erfuhren niemals etwas von den chronischen Krankheiten oder Leiden, solange der Gründer lebte. „Wir wusten, dass der Vater eine besondere Diät erhielt, aber man sagte uns nicht offen, was er hatte“, bekannte eine von hnen in einem Buch, das sie als ihr Zeugnis veröffentlichte. [Tapia, María del Carmen, S. 190] Außerhalb des Opus Dei meinte Luis Carandell, einer der wenigen Biografen Escrivás, dass es „Gerüchte gegeben habe, dass der Monsignore an einer Krankheit leide, und auch wenn diese Gerüchte teilweise aus Anlass seiner Reise nach Spanien dementiert wurden, lässt sich dennoch nicht die Möglichkeit abtun, dass diese Krankheit existiert. Welche Art von Krankheit das war, sagt man nicht, und die ganze Frage bewegt sich auf dem Feld der Vermutungen“. [Carandell, Luis, „Vida und milagros de monseñor Escrivá de Balaguer„, Deriva, Madrid, 1992, S. 86]. Sogar die Chronik des ehemaligen Korrespondenten der Tageszeitung  ABC in Rom, Eugenio Montes, leugnete, dass Escrivá an seinem Todestag krank gewesen sein konnte: „Monseñor Escrivá de Balaguer war nicht krank. Zumindest hatte er niemandem die geringsten Probleme in bezug auf seinen Gesundheitszustand mitgeteilt. Aber jemand aus seinem innersten Kreis vermutete, dass er sich nicht ganz wohl gefühlt haben muss, auch wenn er in seiner intensiven Spiritualität seiner Mission selbervergessen anhing...“. [Diario ABC, Madrid, 27. Juni 1975].

Man nimmt an, dass in Spanien mehr als zwei Millionen Menschen an Diabetes leiden, aber nur die Hälffte von ihnen es weiß. Escrivá wusste Bescheid, welche Leiden ihn quälten, allerdings nicht bis zu den letzten Konsequenzen. Seit Ende 1969 lässt sich sagen, dass es unvermeidlich war, dass Escrivá aufgrund seiner Diabetes erblinden würde, und damit begann die Frage nach der Nachfolge des Gründers im Opus Dei virulent zu werden, aber tatsächlich war der Mechanismus der Nachfolge bereits in Gang gesetzt, und Escrivá war an der Spitze der Organisation bereits durch Álvaro Portillo ersetzt worden, sein alter ego, der als der treueste und  hervorragendste seiner Gefolgsleute galt.

Eine der Strategien, die die Leitungsspitze des Opus Dei unter dem Stellvertreter Álvaro Portillo in der letzten Lebensphase Escrivá einhielt, war die der  Überbehütung. Kein Leiter innerhalb des Opus Dei wollte, dass der Kranke erfuhr, wie schlimm es um ihn bestellt war, und man sorgte dafür, dass das Thema nicht vor Escrivá angeschnitten wurde, weil man ihm damit zusätzliche Leiden ersparen wollte. Aber diese Mauern des Schweigens, die man oft innerhalb des Opus Dei findet, erwies sich als sehr schädlich für Escrivá, auch wenn sie der Liebe seine Weggefährten entsprangen, denn sie entfernten ihn von Tag zu Tag mehr von der politischen Realität der Organisation. Nur seine beiden Kustoden, Álvaro Portillo und Javier Echevarría, und ein anderes Numerariermitlied wie Juan Jiménez Vargas wussten darüber Bescheid, wie schwerwiegend die gesundheitlichen Probleme waren, die den Gründer des Opus Dei betrafen, aber sogar diese Mitglieder leugneten jede pathologische Dimension in der Persönlichkeit Escrivás in späteren Zeugnissen. Vor allem gab der Gründer am Ende seines Lebens deutliche Anzeichen eines gestörten psychischen Gleichgewichts; wenn er zum Essen eingeladen war, begann er zwischen den Gängen zu weinen und alle abzuküssen.

Da die Ärzte Escrivá Anregung und häufigen Klimawechsel empfahlen, entfernte er sich immer öfter von Rom. Während langer Zeiträume, vor allem während der Sommermonate, wohnte er in Häusern des Opus Dei am Meer oder in den Bergen. Seine Gesundheit war mitunter so zart, dass manchmal ein Mitglied des Opus Dei vor Escrivá die Räume, die er benutzen sollte, mit einem Thermometer aufsuchte, damit ihn nicht eine falsche Temperatur vor der Zeit zum Heiligen machte. [Zeitschrift Cambio 16, Madrid, März 1992, ebenfalls in: „Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?“, S. 255]. Auf seinen Reisen wurde wurde Escrivá gewöhnlich von einem Numerarier begleitet, der Arzt war und seine Gesundheit kontrollierte, einem Chauffeur, der ebenso Numerarier war, und seinen beiden Kustoden, Álvaro Portillo und Javier Echevarría. Wenn die Expedition in irgendein Haus des Werkes kam, nahm Escrivá gewöhnlich für seine persönliche Bedienung zwei Numerarierinnen und auch zwei Auxiliarinnen mit, die sich außerdem um das Haus kümmerten, in dem er sich ausruhte. Es war also ein Team von acht Personen beiderlei Geschlechts, alles militante Mitglieder des Werks, um den Gründer des Opus Dei zu betreuen.

Seit den sechziger Jahren begann Escrivá durch die Welt zu reisen – er nannte es „apostolische Raubzüge“ und auch „katechetische Kampagnen“. Das Opus Dei war genötigt, aufgrund von Hinweisen aus dem Vatikan seine äußere Strategie zu ändern. Was das Opus Dei also mit den Reisen des Gründers anstrebte, war, abgesehen von dem spektakulären Effekt für die Auslage, die auferlegte Buße zu tun, nachdem es von Papst Paul VI. zurechtgewiesen worden war, und man sollte ihn jetzt, nach der Klausur des Zweiten Vatikanischen Konzils, sehen, bei dem die Mehrheit des Opus Dei nicht präsent war und die Führungsschicht des Werks durch Abwesenheit glänzte. Bei einem der Massentreffen sagte Escrivá mit Emphase über  dieses Thema: „Ihr sehr schon, dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage, dass das Werk eine große Katechese ist. Das Opus Dei ist nichts anderes.“ [Vázquez de Prada, Andrés, S. 388]. Und in Argentinien, am 7. Juni 1974: „Das ganze Werk ist eine große Katechese, und was will die Katechese? Gott bekanntmachen, damit die wahre Religion geübt wird.“. [Sastre, Ana,  S. 564]. Aber Katechese oder Katechismus ist eine summarische religiöse Unterweisung, und der Katechet beschränkt sich grundsätzlich auf ein Frage- und Antwortspiel, das höchst einfach wirkt, auch wenn es auf eine gewisse Weise die sorgsam und mit Härte durchgeführte apostolische Tätigkeit des Opus Dei ergänzt, das es im Verborgenen durchführt.

Wie schon angedeutet, war die Organisation von Massenveranstaltungen kein Ziel des Opus Dei, das sich Escrivá gesetzt hätte, als er seine Gründung als elitäre Geheimorganisation um 1935 begann. Dennoch träumte er vielleicht davon, denn die spektakulären Massenauftritte wurden damals, in den besten Zeiten des Faschismus, häufig zu Ehren der Führer veranstaltet. Escrivá ahmte auf seinen „apostolischen Raubzügen“ die großen Führer von Volksmassen mit ihren inszenierten Auftritten nach, er gab sich wie ein amerikanischer Politiker, und so konnte der Gründer des Opus Dei auch eine gewaltige Dosis Komödiantentum entfalten, und er erwies sich in allen Darstellungsformen als glänzender Schauspieler. Tatsächlich beeindruckte Escrivá seine Begleiter und Getreuen, wenn er als Person auftrat, die sich mit der typischen Affektiertheit oder der Übertreibung eines Schauspeilers ausdrücken konnte, wen auch „mit göttlicher Inspiration“. In Chile, im Sommer 1974, präsentierte er das Mikrofon, das ihm um die Brust gehängt wurd, als „Kuhglocke“, und das Kabel erlaubte ihm, mit lauter Stimme die folgende Überlegung mitzuteilen: „Sehr ihr, wie sie mich angebunden haben?“. [Sastre, Ana, S. 570]. Im Februar 1975, in Venezuela, kam er von selber wieder darauf zu sprechen, in einer Szene, die einer seiner Hagiografen beschrieb: „Der Vater ging nach rechts, er ging nach links,  das Kabel des Mikrofons hinter sich herziehend, das an seiner Brust hing,  und er konnte nicht wissen, von woher die nächste Breitseite kommen würde. „Vater, ich bin aus Maracaibo...“, rief eine Stimme. „Du bist aus Maracaibo, aber du kannst dich frei bewegen; und ich bin nicht aus Maracaibo, und sie haben mich angebunden, und ich kann mich nur bis daher bewegen.“ Don Javier Echevarría (der zweite Mann seines Vertrauens) ließ also das Kabel locker oder zog es an sich, je nach den Schritten. Die Länge der Schnur erlaubte es ihm nicht, sich vom Podium zu entfernen, auch wenn er zwischenduzrch gerne jemanden aus dem Publikum umarmt hätte. [Vázquez de Prada, Andrés, S. 471]

Bei einem der Treffen Escrivás mit Mitgliedern des Opus Dei schnitt ein Student aus Venezuela das Thema Diabetes an: „Ich hatte schon als Kind Diabetes, und mir wurde gesagt, dass auch Sie es haben“. Escrivá antwortete ihm: „Ich hatte sie zehn Jahre lang. Eine Riesen-Diabetes“. Der Student insistierte: „Ich möchte Ihnen und dem Werk danken, denn die Krankheit hat sich für mich in ein Mittel der Heiligung verwandelt, und ich habe die Freude nicht verloren.“ Escrivá, der die Kranken nicht mochte und sie nicht als Numerarier-Mitglieder seiner Organisation zuließ, gab die trockene und ausweichende Antwort: „Dafür musst du Gott danken, nicht mir und dem Werk...“. [Sastre, Ana, S. 437].

Es gab eine gewisse Unruhe, und von den hundert Tagen in Südamerika im Sommer 1974 war Escrivá mehr als zehn Tage in Peru krank und musste das Bett hüten. In Quito, der Hauptstadt von Ecuador, bleib er zwischen dem 1. und dem 10. August, ohne dass er jemanden empfangen oder etwas machen konnte. Am 15. August führ er nach Venezuela, und da er noch krank war und sich sein physischer Zustand in Caracas verschlechtert hatte, entschied man sich, die lange Katechese-Reise des Gründers des Opus Dei abzukürzen. Einige Monate später, vor einer neuerlichen Reise in die südliche Hemisphäre, bevor er in Madrid das Flugzeug nach Caracas nahm, erkannte er, dass e keine Lust hatte nach Amerika zu gehen. Am 15. Februar 1975 erkrankte er erneut schwer. In der Woche, die er Guatemala blieb, wurden die Besuche auf ein Minimum reduziert und die großen Begegnungen storniert, denn Escrivá erkannte, dass ihn die Kräfte verließen. [Sastre, Ana, S. 589-590].

In den sechziger Jahren wiederholte Escrivá mehrmals gegenüber Mitgliedern des Werks, dass er eine außerordentliche Vision erhalten habe, dass sein Tod im Jahr 1982 sein werde. Aber er sollte schon lange vor dem angekündigten Termin an einem Infarkt sterben. Seit er sich alt und krank fühlte, wiederholte er oftmals „einmal gehe ich“. Er trug außerdem in seiner Senilität als Reliquie ein „Lignum via“, einen angeblichen Span vom Kreuz Christi, den er an seiner Brust trug und von dem er wollte, dass auch seine Nachfolger ihn trügen. Er starb am 26. Juni 1975, im selben Jahr und nur wenige Monate vor dem Tod des Diktators Franco. Da das nicht mit seinem angeblichen Todesdatum zusammenpasste, wurde im Werk eine Version ausgearbeitet, denn der Vater konnte sich nicht irren. Man deutete an, dass sich die Katholische Kirche 1975 in einer sehr schlimmen Lage befand und dass der Gründer sein Leben für die Kirche abgeboten hatte, und deshalb gebe es ein anderes Datum, weil Gott sein Opfer angenommen hatte. [„Escrivá de Balaguer ¿Mito o Santo?“, Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 39-40].

Das Opus Dei hatte all dies vorausgesehen und war gerüstet und gut gerüstet. Nach seinem Tod wurden zwei Sondernummern von „Noticias“ herausgegeben, einer internen Zeitschrift des Werks, um über die treue Erfüllung seiner Vorschriften Rechenschaft abzulegen. Marmor, Kordeln, Samtpölster, wer die Totenmaske abnehmen sollte, wer die Einbalsamierung vor­nehmen, das Haarbüschel, das man ihm abschneiden sollte, etc. Die Inschrift auf dem Stein sollte nur den Ausdruck „Der Vater“ tragen, genauso, wie es in den Evangelien heißt, und wo man darauf besteht, dass es nur einen Vater und einen Gott gibt. [Moreno, María Angustias, „El Opus Dei. Creencias und controversias sobre la canonización de Monseñor Escrivá„, Libertarias-Prodhufi, Madrid, 1992, S. 61-62.] Escrivá brauchte den Tod nicht, denn die seine Taten hatten sich schon zu seinen Lebzeiten in Legenden verwandelt. Das Schlimmste von seiner Seite war es, einem idolatrischen Personenkult und der unermüdlichen Suche nach politischer Macht und Geld zuzustimmen, die zu ständigen und entscheidenden Charakterzügen des Opus Dei werden sollten.

Durch seine Aktivitäten inner- und außerhalb der Kirche hat sich Escrivá in eine herausragende Persönlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts verwandelt, die man aber nicht als Vorbild nehmen kann. Der Gründer des Opus Dei wird nicht in die besten Anthologien der Heiligkeit der Katholischen Kirche eingehen, was er vielleicht gar nicht angestrebt hat, aber ebenso wenig in die der Turboheiligkeit, nach der er geizte. Ein Mitglied des Opus Dei hat sich sogar nicht gescheut anzumerken, dass es eine „rasche und oberflächliche Heiligkeit sein wird, aber schlussendlich Heiligkeit“. Mehr kritisiert als respektiert, bleibt Escrivá ein Abklatsch von Heiligkeit aus den Zeiten Francos, und wenn sie auch noch so viel Unterstützung im Vatikan findet, wenn die Geschichte von der Heiligkeit des Gründers die Menschen nicht bewegt, dann ist diese disziplinierte und klerikal-autoritäre Organisation für immer gescheitert.

Es gibt eine spektakuläre Dimension bei Hundertjahrfeiern, denn wenn in den Vereinigten Staaten und in der ganzen westlichen Welt „100 Jahre Magie“ mit Walt Disney (1901-2001) gefeiert wurde, so hat Spanien mit dem Gründer des Opus Dei ebenfalls ein „Escrivá 1902-2002“, auch wenn es keine Veranstaltung ist, die historische Fragen beantwortet. Und da es schon den Themenpark Torreciudad in Barbastro, Provinz Huesca, gab, wo man Escrivá zu seinem Hundertjahrjubiläum besuchen konnte, hatte man auch seine Magie.

Mythen sind Erzählungen oder Nachrichten, die das entstellen, was eine reale Person ausmachen, und die ihm eine kräftigere oder attraktivere Erscheinung verleihen. Wie diese Biografie das Leben und das Werk des Gründers entmythologisiert, so zieht die mythische Heiligkeit Escrivás in den Episoden seines Lebens vor dem Leser vorbei: von seiner Geburt in einem aragonesischen Dorf bis zu seinem Tod in Rom, während er die Ekstase erlebte, sich für den einzigen göttlichen Gesandten zu halten, der die Katholische Kirche reformieren, nach dem Kriterien des europäischen Faschismus der dreißiger und vierziger Jahre, vor allem auf religiösem Gebiet.

Für die Mitglieder des Werkes Gottes konnte es freilich niemals einen Fehler in der Handlungsweise des Vaters geben. Deshalb wünschen sie für ihren heiligen Gründer „alle Ehre und Herrlichkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“.